Der Befreiung von Auschwitz erinnern

in Form von Podcasts über NS-Geschichte in Frankfurt und einer Lesung von Esther Bejarano
Download: pta210127.mp3

Anlässlich des 27.01., dem Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus und der Befreiung des Vernichtungslagers von Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen KZs in Auschwitz durch die Rote Armee, hat sich das Mietshäusersyndikatsprojekt Kolle (Kollektiv Leben) in Griesheim mit der Geschichte in Frankfurt Griesheim im Nationalsozialismus und im Besonderen mit Zwangsarbeit beschäftigt.

Vorher erfahrt ihr noch, welche Motivation die Gruppe zu diesem Podcast hatte. Darüber erzählt euch Fabs von Kollektiv Leben. Hier könnt ihr die Gruppe kontaktieren: www.kollektiv-leben.de Den Podcast nachhören: youtube.com/watch?v=VzAHWgtghV4&t=126s

Im zweiten Teil hört ihr eine Lesung von Esther Bejarano aus ihrem Buch "Erinnerung", die aus dem Kapitel Auschwitz liest. Sie selbst ist Überlebende des KZ Auschwitz und KZ Ravensbrück, aber auch auch Musikerin, was ihr zwischen den Beiträgen mehrfach zu hören bekommt. Da die Songs rausgeschnitten werden müssen, hier die Liederlieste: Microphone Mafia ft. Esther Bejarano - Schalom Microphone Mafia ft. Esther Bejarano - Deserteur

Die Lesung hat das Hamburger Radio FSK mit der Redaktion 3 - Radyo Azadî zur Verfügung gestellt.

Transkription

[0:00] Ey jo, was ist das für ein futuristischer Scheiß? Das habt ihr euch bestimmt gefragt. Ja, deswegen habe ich das auch reingebaut. Das ist nichts weniger als,
Politopia.

[0:13] Ist jetzt das neue Magazin, das jeden Mittwoch erscheint. Mit der fast Leichenbesetzung, jeden Mittwoch sechzehn Uhr, ihr kennt es vielleicht, damals nannte es sich,
plus Magazin. Jetzt ist es das Polytopia.
Heute bin ich Sophie für euch am Mikrofon.
Und ich freue mich schon auf die heutige Sendung, denn heute ist der siebenundzwanzigste Januar.
Und was es am siebenundzwanzigsten Januar eigentlich passiert. Viele Dinge sind an diesem Tag passiert, aber unter anderem ist seit zweitausendfünf der siebenundzwanzigste Januar, der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Es ist ein bundesweiter gesetzlich verankerter Gedenktag,
Am siebenundzwanzigsten Januar neunzehn fünfundvierzig war der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslage Auschwitz durch Erotamie,
Vereinten Nationen haben den siebenundzwanzigsten Januar zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust,
erklärt, wird aber auch in anderen vielen anderen Ländern Europas begangen,
Was habe ich heute dazu für euch vorbereitet? Und zwar ist die Sendung zweigeteilt.

[1:34] Der erste Teil wird mit ein kurzes Interview mit.
Einer Person von einem Wohnprojekt in Frankfurt sein, von kollektiv leben.
Person erzählt von ihrem aktuellen Projekt. Und zwar hat die Gruppe einen,
Podcast erstellt oder ist, zumindest in der Podcasterstellung gerade dran. Und er ähm veröffentlicht heute ihren ersten Teil aus ihrem Podcast.
Das Wohnprojekt hat sich mit ihr dem Stadtteil auseinandergesetzt, in dem das Haus, was die Bauen entstehen soll und zwar in Griesheim. In Griesheim haben sich beschäftigt mit,
Zwangsarbeiterinnenlager, die ist auch zu Genüge in Griesheim gab. Was mir beispielsweise gar nicht bekannt war. Dazu führte euch erst mal Fabs etwas zur Gruppe erzählen und zu der Idee des Podcasts.
Im zweiten Teil werdet ihr eine Lesung von Esther Begerano hören.
Hat das FSK in Hamburg zur Verfügung gestellt. Es ist eine der Lesung mit in Hamburg.

[2:40] Sie liest aus dem Kapitel Auschwitz, aus ihrem Buch Erinnerungen, Isabejarano wurde neunzehndreiundvierzig in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Welches sie als Musikerin an einem Mädchenorchester überlebte.
Zeitlebens hat sich Esther Bejarano gegen das Vergessen der Gräueltaten des NS-Regimes stark gemacht,
und setzt sich noch heute für antifaschistische Kämpfe ein. Am Mikrofon Mafia featuring Esther Bejarano.

[3:07] Mit dem Lied Shalom. Micro Muffin ist eine deutsch-türkisch-italienische Rap-Gruppe.
Die sich neunzehnneunundachtzig in Köln formiert hat. Zum ersten Mal habe ich diese Gruppe bewusst wahrgenommen,
Wo sie auch schon bei der Fusion gespielt hat. Bei dem Gedenken an Hano, ein halbes Jahr nach dem Terroranschlag in Hanau am neunzehnten Februar zweitausendzwanzig. Auf der Suche nach der Musik von,
habe ich die Rap-Gruppe zum ersten Mal wiedergefunden,
auf der Suche nach einer Musik von Esther Begerano, habe ich die Rap-Gruppe wiedergefunden und hätte sie dort gar nicht vermutet. Zum ersten Mal habe ich diese Gruppe bewusst wahrgenommen,
Wo sie auch schon bei der Fusion gespielt hat bei dem Gedenken an Hanau. Ein halbes Jahr nach dem Terroranschlag in Hanau am neunzehnten Februar zweitausendzwanzig.
Ja, wir sind ein soziales Wohnprojekt aus Frankfurt-Griesheim und wollen da in den nächsten zwei Jahren ein äh Haus bauen
wir dafür sorgen wollen, dass die über vierzig Personen, die dann dort einziehen, eben bezahlbaren Wohnraum auch langfristige Sicht haben.
Wie kam darauf, diesen Podcast zu machen, äh weil wir schon seit Sommer eine mini Podcast-Reihe zu verschiedenen Themen unseres Hausprojekts produzieren, also vom Finanzplan über Bauen, bis hin zu politischen Fragen,
gehen wir da jede Woche auf neues Thema ein.

[4:29] Besonders beschäftigt uns natürlich der Stadtteil, in dem wir ziehen, also Griesheim. Und ja, da sind wir auch mit vielen coolen Initiativen und Menschen im Kontakt.
Und eben diesen Menschen und verschiedenen Blicken. Auf Griesheim wollen wir eben im Rahmen dieses Podcasts auch Raum geben.
Der erste Zugang, äh, den wir zu Griesheim eben gesucht haben, war eben auch ein geschichtlicher Einblick.
Ja und äh Nationalsozialismus und Griesheim ähm hat auch eine besondere Geschichte. Denn speziell in Griesheim ähm hat's eine Menge Zwangsarbeiter im Lager gegeben. Mit einem hohen Zwangsarbeiter in Kontingent
Zum Beispiel in der Froschhalser Straße war so das äh größte Lager von allen.

[5:08] Und darüber ist einfach wenig bekannt. Also weniger bekannt als zum Beispiel über das KZ Katzbach im Gallus. Und ja, das haben wir zum Anlass genommen, um äh das zu ändern und ähm ein bisschen darüber zu informieren, was eigentlich so in Griesheim während des Nationalsozialismus los war.
Da war uns auch nicht viel bekannt,
Ähm das war also ein eigener Lärmprozess auch, wo ich viel recherchiert haben, äh Bücher gelesen haben, mit Menschen gesprochen haben, die sich damit auch auskennen, um einfach auch ähm eine Menge Informationen zu sammeln, die wir dann im Rahmen dieses Podcasts auch präsentieren können.
Äh dieser Podcast hat auch unser eigenes Interesse an dem Stadtteil noch mehr geweckt und äh wir wollen eben auch damit versuchen
Menschen zu inspirieren ähm zu lokaler Geschichte, mal zu recherchieren, sich zu informieren und vielleicht auch Sachen in Erfahrung zu bringen
Und äh Nationalsozialismus ist einer von vielen Blicken auf den Stadtteil, in dem wir leben wollen,
aber ähm gibt natürlich auch noch viel mehr als den Nationalsozialismus in Griesheim, wenn's um die Geschichte geht. Also es äh werden dann auch Sachen in Zukunft möglich, wie,
Griesheim zur Weimarer Republik zum Beispiel oder ganz konkret auch zur Nachkriegszeit,
Weiterer Punkt ist natürlich, warum wir da einen Podcast machen wollten ist, dass Podcast auch einfach cool sind. Also es ist ein guter Zugang in die Bildungsarbeit,
ist sehr lebendig eben und eben auch einfacher als zum Beispiel einen schriftlichen Text dazu zu lesen.

[6:33] Ganz grob haben wir äh mit dem Podcast geplant, Infos über Zwangsarbeit äh während des Nationalsozialismus in Frankfurt zu vermitteln. Natürlich mit äh Fokus auf Griesheim,
und äh wir haben aber auch Interesse an der Nachkriegsgeschichte und dem gesellschaftlichen Umgang nach neunzehnfünfundvierzig damit.
Und äh beispielsweise stellen wir uns die Frage, ob Kontinuitäten sichtbar sind.

[6:57] Zum Beispiel sichtbar an heutigen Schwierigkeiten an die Zeit des Nationalsozialismus mit Mahnmalen oder ähnlichem zu gedenken,
Die Aufarbeitung der Geschichte des Stadtteils Griesheims ist uns wichtig und äh wir beginnen mit dem Nationalsozialismus,
die Perspektive mit einem Wohnprojekt in ein Viertel zu ziehen ähm hat eben eine viel größere Tragweite, als wenn man als Privatperson umzieht,
An sich ist oft Thema bei uns und äh wir haben schon zu vielen tollen Initiativen und Einrichtungen vor Ort Kontakt aufgenommen.
Podcast kommen eben auch einige dieser inspirierenden Personen und Initiativen zu Wort.
Als linkes Hausprojekt sind wir allgemein an Erinnerungskultur und dem Umgang mit der NS-Vergangenheit interessiert,
Geschichte ist ein wichtiger Aspekt, um sich mit Gesellschaft auseinanderzusetzen und äh dazu gehören insbesondere natürlich auch Situationen, die die Abgründe zeigen. Also uns geht's äh nicht darum, immer nur im Negativen zu wühlen,
man sollte eben auch nicht vergessen und die Erinnerung wach halten.
Vor allem auch eben die Erinnerung wach halten aus Respekt für die Opfer und aus Sensibilisierung für die Gegenwart.

[8:06] Das ist erschreckend wie wenig Bewusstsein über viele Aspekte des Nationalsozialismus heute vorhanden sind in der Gesellschaft.
Aber äh vielmehr auch, äh wie wenig gesellschaftlich präsent die Situation zu dieser Zeit ist,
Generell ist Erinnerungsarbeit immer noch ein Thema, was gesellschaftlich viel zu kurz kommt,
heute äh nix mehr optisch an die Lager in Griesheim, im Gegensatz zu den Adlerwerken im womit dort Geschichte leichter eben sichtbar,
ist oder zumindest sein könnte, denn da gibt's auch Widerstände gegen die Erinnerungskultur beim KZ Katzbach. Ähm tatsächlich wird dem oft,
nur durch den großen Druck von einigen wenigen überhaupt Platz gegeben. Leider lässt sich über die Widerstände damals in Griesheim ähm nicht viel herausfinden.
Dass in Griesheim eben viel Fluktuation gibt und Archive entsprechende Dokumente immer noch unter Verschluss haben,
Gerade äh zur Zeit bei Colle und äh so die nächste Phase bei,
vor allem ähm sehr stark jetzt äh die nächsten zwei Monate, um Direktkrediteinwerbungen, also wie schon erwähnt, wollen wir dieses Jahr anfangen, unser Haus zu bauen.
Und dafür brauchen wir eben noch Direktkredite von Menschen, die uns unterstützen wollen. Also wir brauchen mindestens achthunderttausend Euro bis März, um die nötigen Bankrichte für den Hausbau zu bekommen und zur Zeit sind wir bei fünfhunderttausend Euro.

[9:28] Also fünfhunderttausend Euro haben wir schon bekommen,
Menschen, die uns unterstützen wollen, aber ähm genau, dreihunderttausend fehlen uns jetzt noch, die wir ähm in gut zwei Monaten zusammenbekommen müssen. Corona macht's eben auch nicht einfacher, ähm das
deswegen sind wir eben wirklich über jede Person froh, die auch gewillt ist, uns ein Direktriegel zu geben und uns zu unterstützen.
Der Podcast wird auf allen Social Media Kanälen von erscheinen. Das heißt, auf Twitter,
YouTube, Instagram und auf Facebook und äh natürlich auch auf unserer Homepage, das ist äh WWW Punkt,
Minus Frankfurt Punkt DE. Da sind auch alle Podcasts von uns zu finden. Der Kollege Podcast. Spaziergang über,
Griesheim, im Nationalsozialismus.

[10:25] Anlässlich des siebenundzwanzigsten Januars, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, erscheint heute mit Unterstützung von Demokratie Leben Frankfurt,
Der erste Teil einer Sonderreihe unseres Podcast mit dem Titel Griesheim im Nationalsozialismus,
Hierbei ist es uns wichtig, einen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus in Griesheim und insbesondere, die hier gebauten Zwangsarbeiter im Lager zu werfen.

[10:50] Im Nationalsozialismus werden ab neunzehn zweiundvierzig aufgrund der Nähe zur Industrie in Griesheim, Höchst und Gallos auch in Griesheim eine Vielzahl an Zwangsarbeitslager errichtet.
Nach Gallus sind in Griesheim die meisten Zwangsverbatterinnen in Frankfurt untergebracht.
Neben den IG Farben und den Vereinigten Deutschen Metallwerken haben in Frankfurt die Adlerwerke im Gallus Viertel die drittgrößte Anzahl an Zwangsarbeitern.

[11:18] Neunzehn dreiundvierzig besteht fast die Hälfte der Belegschaft aus Zwangsarbeiterinnen oder wie es damals heißt, ausländischen Arbeitskräften.
Unter ihnen machen Chris Gefangene zehn Prozent aus. Die meisten der Beschäftigten Zwangsarbeiterinnen sind in einem großen Lager in Frankfurt-Griesheim untergebracht.

[11:37] Zwangsarbeit wird insbesondere ab neunzehn zweiundvierzig immer wichtiger und ein relevanter Faktor in der deutschen Wirtschaft.
Da im Zuge der Kriegsführung immer mehr Arbeiter in die Wehrmacht eingezogen werden, fehlen insbesondere in der Rüstungsindustrie Arbeitskräfte.
Anfang neunzehndreiundvierzig wird ein Arbeitskräftemangel von eins Komma fünf Millionen Personen festgestellt, insbesondere in der Industrie, der Landwirtschaft und bei der Reichsbahn.

[12:04] Es gab im Raum Frankfurt beziehungsweise in Frankfurt circa vierzigtausend Zwangsarbeiter, äh die in größerem Umfang in der Industrie eingesetzt waren, zum Teil auch äh in kleineren Umfang in landwirtschaftlichen Betrieben.
Lothar Reininger ist aktives Vorstandsmitglied des Vereins Leben und Arbeiten in Gallus und Griesheim, kurz LAG,
und ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Frankfurter Adlerwerke. Die LAG beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Adlerwerke, dem KZ Katzbach,
und den Zwangsarbeiterinnenlagern im Gallus und Griesheim.

[12:42] Bereits Ende des Jahres neunzehndreiundvierzig sind eins Komma acht Millionen zivile Zwangsarbeiter in Deutschland eingesetzt,
Im weiteren Verlauf des Krieges und dem Rückzug der deutschen Truppen nehmen jedoch die Möglichkeiten der Rekrutierung ab und der Widerstand gegen die Rekrutierungen wächst.
Da jedoch der Arbeitskräftebedarf der deutschen Industrie weiterhin hoch ist, werden die Arbeiterinnen zunehmend Zwangsrekrutiert.
Hierbei wird eine Mischung aus falschen Versprechungen auf gute Bezahlung, sozialem Druck, beispielsweise durch die Schließung von Betrieben oder Entzug von Lebensmittelkarten und Gewalt in Form von Prügelstrafen,
Androhung von Erschießung oder Razzien eingesetzt.
In den Adlerwerken gab's die Besonderheit, dass ähm in der Endphase äh dieses äh wichtigen Rüstungsbetriebes der Panzerfaller Fetten produziert hat.
August vierundvierzig so wenig Arbeitskräfte da waren, dass die die Rüstungsaufträge abarbeiten konnten und der Vorstand der Adlerwerke hat,
KZ äh Menschen geordert bei der SS und im August vierundvierzig sind dann im,
in kurzen zeitlichen Abstand rund tausendzweihundert Menschen aus dem KZ buchen bald gekommen, zum Großteil Menschen, aus dem Warschauer Aufstand, Polen, die,
nach Buchenwald kam und nach ohne handwerklichen Gesichtspunkten ausgewählt, dann in die Adlerwerke geschickt wurden.

[14:08] Die Adlerwerke werden ab neunzehn zweiundvierzig von der Regierung dazu verpflichtet, die zivile Produktion ruhen zu lassen und nur noch Kriegsprodukte, wie zum Beispiel Panzerwagen und Torpedos herzustellen.
Hierfür wurde es ihnen ermöglicht Zwangsarbeiter und später KZ-Häftlinge anzufordern. Für deren Unterbringung müssen die Adlerwerke jedoch selbst sorgen.
Indem sie sich aktiv um KZ-Häftlinge bemühten und nach neunzehn vierundvierzig ein eigenes Lager am Gallus eingerichtet bekamen, spielten die Adlerwerke eine eigene Rolle in dem Programm Vernichtung durch Arbeit, so Lothar Reiniger.

[14:43] Also es waren in den Adlerwerken circa zwanzigtausend Zwangsarbeiter beschäftigt, von denen ein größerer Teil in Barockenlagern in Frankfurt Griesheim untergebracht waren. Ich glaube, die waren an der Froschhäuser Straße,
Nationalsozialismus beuten fast alle großen Industrien in Deutschland Zwangsarbeiterinnen in unterschiedlichen Maße aus,
aber auch kleine Betriebe können Zwangsarbeiterinnen zugeteilt bekommen.
Für das Überleben und den Erfolg der deutschen Wirtschaft ist die Zwangsarbeit eine elementare Grundlage. Ohne sie könnten sie die Aufträge nicht erfüllen und die Arbeitskräfte nicht zu billig und schonungslos ausbeuten.

[15:21] Zwischen neunzehn zweiundvierzig und neunzehnvierundvierzig gibt es in Frankfurt Griesheim neben verschiedenen kleineren, vier größere Zwangsarbeiterinnenlager.

[15:30] Hauptsächlich werden diese von den Adlerwerken im IG Farben mit Verwaltungssitz im grüne Burgweg und der Reichsbahn betrieben.

[15:39] Einzelne Lager umfassen mehrere tausend Menschen, andere sind klein und befinden sich auf Sportplätzen, Gaststätten oder in Schulen.

[15:48] Heute legen die Zwangsarbeiter in Lager einen dicht besiedelten Wohnvierteln, wie dem heutigen Griesheim Mitte.
Vor neunzehnfünfundvierzig stehen um die zwei größten Lager nur wenige Gebäude und die Gegend ist schlecht erschlossen.

[16:02] Das größte Zwangsarbeiterlager auf Griesheimer Bohnen liegt in der Froschhäuser Straße. Damals befindet es sich am westlichen Ende Griesheims.
Lassen neunzehn zweiundvierzig aufgrund ihres gestiegenen Zwangsarbeiterinnenbedarfes den Bau eines der größten Brakenlager beginnen.
Dafür nehmen sie bei der Dresdner Bank einen Kredit für über vier Komma fünf Millionen Reichsmark auf.
Grundstück gehört der Stadt Frankfurt, die einen Pachtvertrag mit den Adlerwerken abschließt.
Ist es zunächst ein von der Stadt gepachtetes Zwangsarbeiterlager der Adlerwerke, wird es später auch als KZ-Außenlager weiterverwendet.
Der Bau wird durch das Ministerium Speer durchgeführt, wozu rund achthundert Zwangsarbeiter zum Einsatz kommen.
Nach Fertigstellung sind in diesem Lager bis zu zweitausend vorwiegend russische Kriegsgefangene und andere russische Zwangsverbalterinnen interniert. Das fertige Lager besteht aus vierundzwanzig Baracken,
Davon dreizehn für Unterkünfte,
und ist von einem zwei Komma fünf Meter hohen Stacheldraht umgeben. Die Balken selbst sind von einfachste Ausstattung, sodass die Zwangsarbeiterinnen unter schlimmsten Bedingungen leben müssen.
Unterbringung war im vierten, fünften Stock im Betrieb selbst während die Zwangsarbeiter,
zum größeren Teil in Griesheim, in Barocken untergebracht waren und da auch über die Straßen laufen konnten, auch sichtbar
und auch Fluchtmöglichkeiten bestanden haben, die natürlich weder meistens, wenn sie erwischt waren, sind mit dem Tod geendet haben.

[17:31] Die osteuropäischen Zwangsarbeiter werden mit Straßenbahnen zur Arbeit ins Gallus gebracht, um die Bewegung und den Kontakt zu Deutschen größtmöglich einzuschränken.
Ihre Freizeit? Sogar ihre Urlaubstage dürfen sie nur im Lager verbringen. Ein unerlaubtes Verlassen des Lagers kam mit Erschießungen bestraft werden.
Das Lager wird bei einem Luftangriff im März neunzehnvierundvierzig stark beschädigt. Vor den elf vorhandenen hölzernen Braten sind nur noch der Reihe in Takt.
Kriegsende im März neunzehnfünfundvierzig ist das Lager noch in Gebrauch. Da die amerikanischen Bodentruppen dort nach eigenen Angaben russische Kriegsgefangene befreiten.

[18:08] Das zweitgrößte Lager befindet sich auf dem Werksgelände des IGO Farben Chemiewerks an der Stufstraße dreiunddreißig.
Wie alle Zwangsarbeiter in Lager, ist es mit Stacheldraht umgeben. Jedoch in diesem Fall sogar in zwei Reihen.

[18:22] Die hier untergebrachten Zwangsarbeiter erinnern, werden im Chemiewerk eingesetzt. Einige Baracken des Lagers sind umzäunt, andere nicht,
Die Bewachung guter Internierten wird vom Werksschutz übernommen. Ab neunzehnzweiundvierzig wird es von der IG Farben AG betrieben. Ab diesem Zeitpunkt wird es regelmäßig vergrößert und die Anzahl der ZwangsabattaInnen wächst.
Im Lager sind mehrheitlich Osteuropäerinnen und Kriegsgefangene aus Frankreich, aber auch zivile Zwangsarbeiterinnen aus Westeuropa untergebracht.

[18:50] Genutzt wird das Lager bis neunzehnvierundvierzig. Es ist nicht das einzige Lager von IGIFA in Griesheim. Ein weiteres befindet sich in der Eifelstraße.
Das drittgrößte Lager wird von der Reichsbahn betrieben und befindet sich ab neunzehndreiundvierzig in Altgriesheim zweiundsiebzig. Direkt in der Nähe der Staustufe.
In ihm werden knapp dreihundert Zwangsarbeiterinnen untergebracht.
Es ist umzäunt und beherbergt hauptsächlich russische oder osteuropäische Zwangsarbeiterinnen, die bei der Deutschen Reichsbahn eingesetzt werden.
Sind die größten Lager in Frankfurt Griesheim. Sie unterscheiden sich von Infrastruktur, Größe und Belegung teilweise enorm.
Die Rekrutierungen der osteuropäischen Zwangsarbeiter erfolgt in dem vom Deutschen Reich besetzten Gebieten, zum Teil auf Basis einer fragwürdigen Freiwilligkeit.
Russischen Männern und Frauen wird erzählt, dass sie in Deutschland bessere und berufliche und finanzielle Chancen hätten als in der eigenen Heimat. Eine gewisse Anzahl von Arbeitnehmerinnen gehen freiwillig nach Deutschland,
erleben dort aber schlechtere Arbeitsbedingungen und eine unfairere Bezahlung als versprochen. Zurückkehren ist nicht möglich,
Darüber hinaus treibt die Wehrmacht in Russland auch Menschen zusammen und wählt, ohne ihre Zustimmung, die am gesündesten oder kräftigsten Aussehenden aus, um sie zum Arbeiten nach Deutschland zu verschleppen.
Als die dritte Gruppe der russischen Zwangsverwalter sind die Kriegsgefangenen zu erwähnen.

[20:14] Die Arbeitsgruppen werden in verschiedenen zeitlichen Phasen uneinheitlich behandelt und unterschiedlich schlecht ernährt,
Zusätzlich gibt es die sogenannten Messarbeiterinnen, beispielsweise aus Belgien, Niederlande oder Frankreich.

[20:27] Diese sogenannten ausländischen Arbeitskräfte werden in groß angelegten Rekrutierungskampagnen nach Deutschland gelockt.
Der Begriff der Zwangsarbeit passt jedoch für alle. Denn egal, ob sie freiwillig oder unter Zwang an die Lager gekommen sind, werden sie alle mit Zwangsmaßnahmen und Gewalt zur Arbeit gezwungen,
Ebenso wenig können sie diese auf eigene Entscheidung verlassen oder niederlegen.
Der Großteil der Dokumente in Bezug auf Griesheim, während des Nationalsozialismus wurden entweder vernichtet oder unterliegen bis heute dem Datenschutz und Sperrfristen.
Somit sind bisher keine Dokumente auffindbar, die darüber Auskunft geben, wie die damalige Kiesheimer Gesellschaft auf die Zwangsarbeiterinnenlager oder auch das Verschwinden der Juden, Kommunisten und Zeugen Jehovas reagiert hat,
Die persönliche Aufarbeitung ist ebenso erschwert, da Griesheim ein Stadtteil mit einer sehr hohen Fluktuation ist.
Viele Familien wohnen wegen ihrer Arbeitssituation nur für einige Jahre oder Jahrzehnte hier.

[21:28] Nächste Woche erscheint die zweite Folge unserer Sonderreihe Griesheim im Nationalsozialismus.
In dieser wollen wir uns genauer mit den Lebensbedingungen der Zwangsarbeiterinnen auseinandersetzen.

[21:41] Der Sonderpodcast Teil eins. Fortsetzung folgt.
Sprecherin Sophie, Schnitt und Sprecherintro, Faz, Redaktion, Ina, Alex Loh.

[21:57] Vielen Dank für das Interview an Lothar Reininger. Leben und Arbeiten in Gallos und Griesheim e. V. LAG.

[22:06] Dieses Projekt ist Teil der Partnerschaft für Demokratie Frankfurt am Main. Sie wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms, Demokratie leben, aktiv gegen Rechtsextremismus,
Gewalt und Menschenfeindlichkeit sowie durch das Landesprogramm,
Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus. Mehr Infos zu Kolle,
auf Kolle Minus Frankfurt Punkt DE, sowie auf Twitter, Insta und Facebook. Ich begrüße euch auch ganz herzlich.

[22:39] Ich möchte ein bisschen etwas aus meinem Buch Erinnerungen vorlesen.

[22:49] Auschwitz, wir kamen in ein sogenanntes Sammellager,
innerhalb einiger Tage waren wir schon über tausend jüdische Menschen und wurden in Vivagons auf Transport geschickt.

[23:08] Wohin der Zug fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt. Man konnte sich kaum bewegen,
Und wenn dann mal austreten wollte, musste man über die Menschen steigen, um an die in einer Ecke stehenden Kübel zu gelangen,
Die Luft in den Waggons war miserabel,
im Laufe der Zeit wurde sie immer schlechter. Viele alte und schwache Menschen starben auf dem Transport. Wie lange wir fuhren, weiß ich nicht mehr,
Der Zug hielt mehrmals. Durch das kleine, vergitterte Fenster konnten wir nicht erkennen, wo wir hielten,
jedes Mal dachten wir, jetzt sind wir erlöst. Jetzt können wir der stinkigen Luft entfliehen.

[24:03] Aber dann fuhren wir wieder weiter.
Nach ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt der Zug endlich am zwanzigsten April neunzehnhundertdreiundvierzig und die Türen der Waggons wurden geöffnet,
Wir stiegen aus den Waggons.
Einige zivil gekleidete Männer begrüßen uns zunächst ganz freundlich. Es hieß, wir kämen in Arbeitslager,
Frauen und Männer getrennt. Etwas entfernt von der berühmten Rampe standen einige Lastautos.
Die Männer, die wir für Vorarbeiter hielten, sagten, wer krank und gehbehindert sei,
soll auf die Lastautos steigen. Außerdem sollten das auch Mütter mit kleinen Kindern, schwangere Frauen und Frauen über fünfundvierzig Jahre tun.
Da der Weg zum Lager ziemlich lang sei. Viele stiegen auf die Wagen,
Einige junge Menschen, die mit ihren Eltern mitgehen wollten, wurden von den Männern zurückgehalten. Sie sollten ins Lager laufen.

[25:27] Autos, fuhren in die Gaskammer. Was wir damals noch nicht wussten.

[25:36] Männer und Frauen, die zurückblieben, wurden getrennt. Die Männer gingen in ein anderes Lager,
Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von SS-Frauen und SS-Männern mit folgenden Worten begrüßt,
So, ihr Sau-Juden, jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt. Sie trieben uns in eine große Halle,
die sogenannte Sauna. Wir mussten unsere Kleider ausziehen. Die Koffer mussten wir auf der Rampe stehen lassen,
Die SS-Männer blieben dabei, als wir uns auszogen,
und amüsierten sich anscheinend köstlich. Während wir vor Scham anfingen zu weinen.
Im nackten Zustand wurden uns die Haare geschoren. Wir wurden dadurch so entstellt, dass man den einen oder anderen gar nicht wiedererkannte.
Dann mussten wir unter eine kalte Dusche. Und hinterher gingen wir in einen Heißluftraum, in dem man fast erstickte,
um zu trocknen.

[26:48] Wir standen nun in einer Reihe und warteten, dass uns eine Nummer auf den linken Arm eintätowiert wurde.
Ich bekam die Nummer einundvierzigtausendneunhundertachtundvierzig Namen wurden abgeschafft. Wir waren nur noch Nummern.
Nachdem man uns die Kleider ausgeteilt hatte und wir uns unangekleidet hatten,
wussten wir schon, dass wir hier in einem Konzentrationslager waren. Solche Kleidung trägt man nicht in einem gewöhnlichen Arbeitslager.
Wir waren in dem von Deutschland besetzten Polen in Auschwitz, im Lager Birkenau.

[27:38] Nachdem alle Prozeduren in der Sauna beendet waren, wurden wir auf verschiedene Blogs verteilt. Meine Freundinnen und ich kamen auf einen Block, der in viele Kojen eingeteilt war.
In jeder Koje lagen etwa acht bis zehn Frauen,
Man muss sich vorstellen, dass diese Blogs frühere Pferdestelle waren.
Wir lagen auf Holzbrettern ohne Stroh, ohne Decken.
Die Menschen, die schon längere Zeit in Auschwitz Birkenau waren, sahen abgemagert, schwach und krank aus. Viele hatten ständigen Durchfall,
Das war bei der Kälte und im schrecklichen Essen auch gar kein Wunder,
Zum Frühstück aßen wir einen Teil unserer Ration Brot, die am Abend verteilt wurde.
Dazu gab es ein braunes Gesöff, was Tee sein sollte. Becher gab es nicht,
jeder Häftling hatte eine braune Email-Schüssel.

[28:46] Zum Essen und zum Trinken benutzt wurde. Manchmal sogar, um sich darin zu waschen.
Nach dem Appell am Morgen, bei dem festgestellt wurde, ob alle Häftlinge vorhanden sind, gingen wir in Kolonnen durch das Tor zur Außenarbeit,
Eine völlig sinnlose Arbeit hatten wir zu verrichten,
Auf einem Feld mussten wir große Steine zusammentragen. Die Steine waren so schwer, dass einige Frauen schlapp mochten.
SS hatte kein Erbarmen. Sie hatten ja gelernt, wehrlose Frauen zu prügeln und waren noch stolz auf ihre Taten.
Ich glaube,
wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, aus dieser Kolonne rauszukommen, wäre ich wohl elendig zu Grunde gegangen.

[29:47] Bevor ich ins Mädchenorchester aufgenommen wurde, sang ich für einige Blogältesten Lieder von Schubert, Bach, Mozart und anderen Komponisten.
Bekam ich immer ein Stück Brot oder ein Stückchen Wurst extra. Als dann die Dirigentin Tschaikowsky.
Eine polnische Gefangene. Eines Tages bei den Blockältesten nach Musikerinnen suchen musste,
wurden meine Freundinnen Hildegrünbaum, Silvia Wagenberg und ich, vorgeschlagen.
Wir gingen also zur Prüfung in die Musikbarocke. Ich konnte Klavier spielen. An die Blockflöte, die ich auch spielen konnte, habe ich damals nicht gedacht,
Frau Tschaikowskka sagte zu mir,
ein Klavier gibt es hier nicht. Wenn du Akkordeon spielen kannst, dann kannst du im Orchester mitmachen.

[30:51] Ich hatte nie vorher ein Akkordeon in der Hand. Aber ich sagte trotzdem, ich könne spielen. Und so versuchte ich den deutschen Schlager,
Du hast Glück bei den Frauen Bela Mie zu spielen, der damals brandaktuell war,
und es gelang mir sogar die richtigen Akkorde zu treffen.
Das war wie ein Wunder. Auch meine Freundinnen wurden akzeptiert, Hilde als Geigerin Silvia als Flutistin,
und so zogen wir drei in die Baracke, in der die Musikerinnen schliefen, die sogenannte Funktionsbarake.
Alle Funktionärinnen, Läuferinnen, Dolmetscherinnen, Schreiberinnen, Frauen, die in den Effektenkammern arbeiteten,
und nun auch die Musikerinnen wohnten in dieser Baracke, in der richtige Betten standen.

[31:55] Die Effektenkammer war voll mit Kleidern, Schuhen, Waschmitteln, Kosmetiksachen,
trotz allem, was die Nazis von den Transporten aus ganz Europa erbeuteten.
Dort wurde alles sortiert und verpackt und heim ins Reich geschickt.
Zum Winterhilfswerk oder zu sonstigen Hilfseinrichtungen. Bei den Frauen, die in den Effekten kann man arbeiten,
konnten sich die Häftlinge, Pullover, Mäntel, Unterwäsche, Seife, Zahnbürsten und vieles mehr mit Brot, mit Wurst oder mit Margarine kaufen.

[32:42] Ich kaufte mir auch einmal einen Pullover, für einen ganzen Leib Brot,
Die ganze Wochenration, weil ich so schrecklich froh. Ich hungerte eine ganze Woche, aber der Pullover wärmte mich. Ich trug ihn eine lange Zeit.

[33:01] Das Essen im Orchester war das gleiche wie in allen Blocks. Morgens Tee, mittags beziehungsweise abends eine Suppe, die nur wegen der Wärme gegessen wurde.

[33:17] Sie bestand aus Wasser mit Kartoffelschalen oder aus Brennnesseln und anderen ungenießbaren Kräutern,
Wir aßen diese Suppe. Schmeckte sie auch noch so scheusig?
Das Orchester war damals, als ich dazukam, noch nicht in der Lage, irgendwelche Musikstücke zu spielen,
Wir übten erstmal mindestens drei Wochen,
Danach mussten wir morgens am Tor stehen und Märsche spielen. Wenn die Arbeitskollonen aus dem Tor marschierten,
und abends, wenn die Kolonnen von der Arbeit wieder zurückkamen.

[34:01] Manchmal kam Besuch ins Lager. Die SS-Schergen prahlten mit ihrem Orchester,
und stellten es den hohen Bronzen vor, den SS-Obersturmführern, die mal sehen wollten, wie Menschen geschunden, gefoltert und ermordet werden.

[34:24] Beim Appell wurden oft Selektionen vorgenommen. Da kam der Oberstabsarzt Mängele mit seinen Helfern.
Er stand vor uns,
und wenn er vor einem Häftling seine Hand nach rechts bewegte, so war er für die Gaskammer fällig. Die Handbewegung nach links bedeutete,
dass man noch eine Galgenfrist bekam. Denn niemand wusste.

[34:53] Und wann man selbst ins Gas geschickt würde.
Wenn neue Transporte ankamen, die für die Gaskammer bestimmt waren, mussten die Musikantinnen am Tor stehen und Musik machen,
aus ganz Europa kamen die Menschen und fuhren direkt ins Gas,
Als diese Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher,
wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein.
Was für eine schreckliche, psychische Belastung. War das für uns? Für das Orchester.
Schlimm war auch, dass inzwischen ein neuer Transport aus Griechenland eingetroffen war, mit dem Lily und ihre Schwester kamen, die eine große Bereicherung für das Orchester darstellten.
Lily war Professorin der Musik und spielte fantastisch Akkordeon. Lili konnte auch sehr gut Noten schreiben,
und arrangierte viele Musikstücke für das Orchester. Da wir nur ein Akkordeon zur Verfügung hatten,
hatte ich den Platz als Akkordionistin verloren, denn ich konnte ja nicht halb so gut spielen wie Lilly.

[36:21] Mir fiel ein, dass ich auch Blockflöte spielen konnte und so war ich wieder gerettet.
Nun wurde ich krank. Durch den Typhus war ich ziemlich geschwächt und anfällig,
Es dauerte nicht lang, da bekam ich den Keuchhusten. Mit achtzehn Jahren und in dieser Situation war das gar nicht leicht,
Blockflöte konnte ich während des Keuschhusens nicht spielen,
Frau Tschaikowskka wußte einen Ausweg. Sie beauftragte eine Gitarrenspielerin, mir die nötigsten Griffe beizubringen. Und so spielte ich dann Gitarre.
Nun war ich ein halbes Jahr im Orchester. Beim morgendlichen Appell wurde folgende Bekanntmachung vorgetragen.
Jeder, der arisches Blut in seinen Adern hat, soll sich bei den Blockältesten melden,
Nach reichlicher Prüfung der Angaben würden diejenigen, die akzeptiert werden, in ein anderes Lager kommen, das kein Vernichtungslager sei.

[37:39] Was sollte ich machen? Einerseits wollte ich mit meinen Kameradinnen zusammen bleiben. Andererseits würde ich vielleicht die einzige von meinen Freundinnen sein,
Auschwitz schon bald verlassen könnte.
Nach reiflicher Überlegung kamen wir zu dem Entschluss, dass ich mich erstmal melde.
Meinten, ich hätte geradezu die Pflicht zu versuchen, aus Auschwitz rauszukommen,
damit ich später den Menschen erzählen könnte, was für schreckliche Verbrechen an uns begangen wurden.

[38:20] Von unserem Blog war ich die einzige, die sich meldete.
Durch meine christliche Großmutter väterlicherseits war ich ein Viertel Aisch.
Nach sechs Wochen musste ich zu einer Untersuchung des Oberstabs Arztes Mängele zwecks Überführung in das Frauenstraflager Ravensbrück.
Siebzig junge Frauen hatten sich als halb oder viertel arisch gemeldet. Wir wurden alle im Zug, diesmal nicht im Fiebergon.
Aber mit SS-Bewachung nach Ravensbrück gebracht.
Der Abschied von meinen Kameradinnen fiel mir sehr schwer.

[39:09] Ravensbrück. In Ravensbrück kamen wir erst für vier Wochen in Quarantäne. Wir brauchten nicht zu arbeiten.
Das Essen war viel besser als in Auschwitz. Nach der Quarantäne wurden wir in einen anderen Block verlegt. Auf diesem Blog befanden sich alle möglichen Häftlinge,
Nun mussten wir wieder arbeiten,
Zuerst arbeitete ich bei den Kohlen. Wir mussten die Kohlenlohren aufladen, sie an eine bestimmte Stelle schieben und sie dann wieder abladen.
Arbeit war schwer und dreckig. Ich konnte das nicht lang schaffen. Ich arbeitete einen Monat dort,
und bewirb mich dann, um bei der Firma Siemens angenommen zu werden. Man musste dafür einen Test machen, der sehr leicht war,
und so wurde ich bei Siemens angenommen und fing sofort dort an zu arbeiten.

[40:14] Die Filiale der Siemenswerke in diesem Konzentrationslager Ravensbrück war sehr, sehr groß,
ich arbeitete in Halle vier, wo Montagearbeiten durchgeführt wurden. Wir bauten Schalter für unter Seeboote.

[40:34] Als Vorarbeiterinnen hatten wir Zivilistinnen, die jeden Morgen aus Berlin angereist kamen,
Zwei von diesen Vorarbeiterinnen waren besonders nett zu uns. Ich hatte das Glück, Frau Hinze, eine von den netten als Vorarbeiterin zu haben,
Sie brachte uns oft etwas zu essen mit oder sie kümmerte sich um unsere Post, indem sie sie mit nach Berlin nahm und sie dort in den Briefkasten steckte.
Das war eine besonders große Hilfe für uns. Ich hatte nämlich noch eine Tante in Berlin
Sie war die Schwester meines Vaters. Sie war eine sogenannte halbjüdin und heiratete einen Arier,
und konnte deshalb den ganzen Krieg über in Berlin bleiben. Ich schrieb ihr einige Briefe,
Frau Hintze für mich beförderte. Fast zwei Jahre,
arbeitete ich bei Siemens. Im Januar neunzehnhundertfünfundvierzig wurde rund siebzig Mischlingen gesagt,
Wir sollten in die Schreibstube kommen, um uns die roten Winkel abzuholen.

[41:54] Judensterne mussten wir abgeben.
Ab sofort wurden wir zu Arian erklärt. Es wurde sogar von einer eventuellen Entlassung gesprochen.
Ab sofort durften wir Briefe und Pakete erhalten.
Das Ganze war sowieso ein Schwachsinn. Wie viele Mischlinge hatte man schon ermordet, weil sie jüdischer Abstammung waren? Und nun sollte ich mich als Arierin fühlen.

[42:29] In meinem Herzen blieb ich selbstverständlich weiter die Jüdin,
Nutzte jedoch die Vorteile meines neu erworbenen Artums voll aus, in dem ich Pakete erhielt und briefe, schreiben konnte.

[42:47] Tatsächlich schickte meine Tante aus Berlin mir warme Unterwäsche und ein paar Pullis und auch was zum Futtern,
natürlich half, die letzten Monate in Ravensbrück etwas erträglicher zu machen.
Frau Hintze, erzählte mir, wie schlecht die politische Lage sei. Die Sowjets waren im Anmarsch auf Berlin,
der Krieg war für Deutschland schon fast, weil verloren,
an den vielen Fliegeralarmen merkten wir, dass die Nazis bald ausgespielt haben würden. Ende April neunzehnhundertfünfundvierzig ging folgende Nachricht von Block zu Block.
Frauen. Zieht euch Zivilkleider unter eure Häftlingskleidung. Wir werden in ein paar Stunden evakuiert,
denn die Sowjets sind schon in der Nähe.

[43:46] Unsere kommunistischen Gefangenen, die in die Zimmerdecke eines Blocks ein Radio eingebaut hatten, waren genau über die politische Lage orientiert.
Sie gaben uns die Informationen durch.
Sieben Mädchen erleben die Freiheit. Nun war es soweit,
alle Häftlinge, die noch einigermaßen gesund waren und laufen konnten, mussten aus dem Lager raus. Wir gingen tagelang in einer Kolonne durch Städte,
Wälder über Felder.
Todesmarsch. An der Seite gingen die SS-Scherben mit ihren geladenen Gewehren,
wer hinfiel, wer nicht mehr laufen konnte, wurde gnadenlos von diesen Verbrechern erschossen,
obwohl sie wussten, dass der Krieg schon fast zu Ende war.
So gab es Häftlinge, die Folterungen, Krankheiten, Hunger und Kälte in einer langen Leidenszeit überstanden hatten,
aber fünf Minuten vor zwölf von dieser Faschistenbande ermordet wurden.

[45:05] Wir marschierten innerhalb Mecklenburgs und kamen zu dem Konzentrationslager Malchow.
Frauen aus diesem KZ reiten sich bei uns ein.
Dabei trafen wir einige Freundinnen, die mit uns zusammen in Auschwitz gewesen waren. Ich fand meine beste Freundin Miriam Edel wieder. Wir gingen zu siebt in einer Reihe.
Welche Freude, dass wir uns hier wieder trafen und der Freiheit vielleicht gemeinsam entgegengehen konnten.

[45:45] Die Nächte im April waren noch ganz schön kalt. Wir frohren, weil wir ja kaum warm genug angezogen waren.
Der Boden war kalt. Trotzdem legten wir uns auf die kalten Pflastersteine, denn wir waren von dem langen Laufen sehr erschöpft und freuten uns auf jede Rast,
Nach etwa fünf Tagen Marsch,
hörten wir wie ein SS-Mann zu einem anderen SS-Mann sagte, es dürfe nicht mehr geschossen werden.

[46:22] Wir beschlossen, die Kolonne zu verlassen und zu siebt alleine weiterzugehen.
Eine nach der anderen versteckten wir uns hinter Bäumen und Sträuchern, als wir gerade durch einen Wald marschierten.
Die Kolonne zog ohne uns weiter. Wir warteten eine Weile, bis die Gefahr vorbei war. Kein SS-Mann war zu sehen,
dann irrten wir durch den Wald, zogen unsere Häftlingskleidung aus und warfen sie weg,
Als wir auf eine Landstraße kamen, mischten wir uns unter die vielen Flüchtlinge, die mit kleinen Leiterwagen voll bepackt mit Koffern und Bündeln auf der Landstraße umherten.
Viele wussten noch gar nicht, wohin sie gehen sollten. Die Leute waren alle aus Berlin und Umgebung.

[47:22] Sie flüchteten vor den Russen,
Wir gingen mit ihnen, bis wir in ein kleines Dorf kamen. In einem Bauernhaus warten wir um Unterkunft.
Der Bauer erlaubte uns in seiner Scheune zu übernachten,
Noch erzählten wir niemandem, dass wir aus dem KZ kamen. Wir hatten große Angst, irgendein Nazi könnte uns wieder zur Kolonne zurückbringen.
Außerdem war ja der Krieg noch nicht beendet. Die SS kämpfte immer noch in den Wäldern.

[48:00] Nun schliefen wir im Heu. Und am nächsten Morgen wurden wir von dem Bauern geweckt,
Er sagte zu uns, wenn ihr links runtergeht, kommt ihr zu den Amerikanern,
geht ihr nach rechts, da sind die Russen.
Wir brauchten gar nicht lange zu überlegen, wohin wir gehen sollten. Den Links von uns kamen zwei amerikanische Panzer, die Straße runtergefahren.
Wir nahmen unsere paar Sachen und liefen ihnen entgegen,
Die amerikanischen Soldaten halfen uns auf die Panzer und begrüßten uns. Als wir ihnen unsere Nummern,
auf dem linken Arm zeigten, umarmten und küssten sie uns vor Freude, dass sie uns helfen konnten.

[48:53] Wir Mädchen sahen nicht gerade gut aus. Die meisten von uns waren sehr abgemagert. Einige fühlten sich wirklich schwach.
Die Soldaten wendeten und fuhren zurück in das mecklenburgische Städtchen Lübsch.

[49:12] Amis halfen uns vom Panzer runter und luden uns in ein Restaurant ein,
Nun mussten wir ihnen vom KZ erzählen,
Irmgard und ich konnten Englisch sprechen. Und so beschrieben wir ihnen, was wir alles durchgemacht hatten.
Ich erzählte ihnen auch, dass ich in Auschwitz im Orchester Akkordeon gespielt hatte. Es verging vielleicht eine halbe Stunde,
stand plötzlich ein Soldat mit einem Akkordeon vor mir,
Er sagte, ich schenke dir dieses Akkordeon. Komm, lass uns singen und du musst spielen.
Während wir so gemütlich zusammensaßen, hörten wir auf der Straße großen Jubel. Wir liefen alle auf die Straße und sahen, wie die Rote Armee einmarschierte.
Die amerikanischen und die russischen Soldaten begrüßten umarmten und küssten sich,
alle waren glücklich, dass der Krieg nun endlich beendet war.

[50:25] Ein russischer Soldat brachte ein riesengroßes Bild von Adolf Hitler und stellte es mitten auf den Marktplatz. Ein anderer russischer Soldat rief,
Musik, wer macht Musik? Ich nahm das Akkordeon,
und ging auf den Marktplatz. Alle stellten sich rund um das Bild. Ein amerikanischer und ein russischer Soldat zündeten es gemeinsam an.
Adolf Hitlers Bild, brannte lichterloh.
Die Soldaten und die Mädchen aus dem KZ. Kannsten um das Bild herum.
Und ich spielte Akkordeon. Auch dieses Bild werde ich nie vergessen.
Das war meine Befreiung vom Hitler-Faschismus. Und ich sage immer.
Es war nicht nur meine Befreiung. Es war meine zweite Geburt.