All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt
Kenneth Hujer liest aus seinem Buch: All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt – Gespräche über eine Stadt. www.ventil-verlag.de/titel/1982/all-das-passierte-in-diesem-irrsinnigen-milieu-frankfurt
Lesung im Cafe Exzess www.exzess.info, in der Reihe Gegenbuchmasse www.gegenbuchmasse.de/2025.html
- Musik Playlist
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- Neffex, Fight Back youtube.com/watch?v=CYDP_8UTAus
- Undertale, Megalovania (Oscar Santos Remix) youtube.com/watch?v=KiaSHg6BsXg
Transkription
Hallo, hier ist das politopia-magazin, euer gesellschaftspolitisches Magazin bei Radio X, dem Frankfurter Bürgerradio. Schön, dass ihr dabei seid, schön, dass ihr zuhört. Jetzt war ja kürzlich die Buchmesse gewesen, bzw.
die Buchmasse oder auch andere Veranstaltungen außerhalb der Messe, wo es Lesungen gab, wo Autoren ihre Bücher vorgestellt haben, wo man sich mit den Leuten auch direkt unterhalten konnte. Wir haben euch heute eine Lesung mit gebracht und zwar der Kenneth Huya hat sein Buch vorgestellt, all das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt. Gespräche über eine Stadt.
Er hat Passagen aus seinem Buch vorgelesen bei einer Veranstaltung im Café Exzess. In seinem Interviewband hat er sich mit elf Personen unterhalten, die in den 1960er bis 1980er Jahren in Frankfurt aktiv waren oder künstlerische Aktionen gemacht haben oder in der politischen Landschaft sich bewegt haben. Die Frage ist, wieso ist Frankfurt so ein Brennpunkt kultureller und politischer Entwicklung zu dieser Zeit? Nach der Lesung haben wir uns mit Kenneth Huya auch darüber unterhalten, was ist denn die Ausrichtung seines Buches? Welches Konzept steht dahinter? Wir haben uns auch darüber ausgetauscht, wie der Schreibprozess für einen Autor aussieht.
Das ist ja eine sehr individuelle Herausforderung. Außerdem schauen wir uns an, wie ist denn die heutige Lage für Autoren? Sind Bücher überhaupt noch zeitgemäß? Kenneth, du hast eben eine Vorlesung, nein eine Lesung gehalten aus deinem Buch. Erzähl mal, was haben wir da eigentlich genau gehört? Was steht da drin? Der Titel des Buches lautet All das passiert in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt.
Untertitel Gespräche zu einer Stadt. Ich habe gerade die Einleitung des Buchs vorgetragen, in der ich so ein bisschen erzähle, wie es eigentlich dazu kam, dass ich begonnen habe mit Interviews. Es stand zu Beginn auch nicht fest, dass ich ein Buch draus mache.
Erst einmal habe ich mit einem Interview begonnen mit Tim Ulrichs. Das Gespräch habe ich eben heute auch vorgetragen und aus diesem einen Interview wurden dann aber mit jedem Mal mehrere Interviews. Ich hatte auch am Anfang gar nicht festgelegt, dass es schlussendlich vor allem um Leute geht und Themen, die so angesiedelt sind in den 1960er bis 80er Jahren.
Das hat sich dann auch erst so ergeben, dass man jetzt zum Schluss auch aus Verlagssicht das ein bisschen so einordnen kann, dass das der Schwerpunkt des Buchs ist. Am Ende sind jetzt elf Gespräche draus geworden. Jedes Gespräch zu lang, um es in die Zeitung zu bekommen.
Das war für mich dann eben so der Grund, nachdem ich dachte, ich will da jetzt nicht irgendwie zu viel rausnehmen und es zu sehr beschneiden. Ich arbeite weiter dran und mache ein Buch draus. Die Arbeit am Buch hat jetzt so fünf, sechs Jahre gedauert.
Seit 2000 führe ich diese Gespräche. Vielleicht sage ich auch kurz was zu den Gesprächen. Ich treffe die Menschen und wir haben sehr lang gesprochen.
Es waren immer so zwei, drei stündige Gespräche, die ich auch aufgezeichnet habe und dann habe ich schon währenddessen mir Notizen gemacht, um zu wissen, was ist für mich so die Struktur. Die Gespräche sind auch alle sehr ausführlich vorbereitet. Bei Eva Dembski, der Schriftstellerin, habe ich viele ihrer Romane gelesen, viele ihrer Reden mir angehört.
Bei dem Gespräch mit der Fassbinder-Witwe habe ich mich auch noch mal sehr in Fassbinders Werk eingearbeitet, eingelesen, die Biografien und seine Notizen zu Frankfurt, war im Archiv. Das heißt, es ging immer viel Arbeit schon erst einmal so rein vor dem ersten Treffen und dann habe ich diese zwei, drei stündigen Gespräche transkribiert und da ein Gespräch rausgeschrieben und dann tun sich aber meistens auch noch so Leerstellen auf oder es gibt so Punkte, bei denen ich denke, da wäre es spannend, noch mal reinzugehen. Das heißt, es gab meistens noch ein zweites Gespräch, wo wir dann noch mal bestimmte Stellen vertieft haben, die Antworten angereichert worden sind und ich habe dann auch immer im Miteinander mit den Gesprächspartnern am Text auch noch mal gesessen.
Das heißt, es ist jetzt kein authentisches Gespräch, wo jedes Äh abgebildet wird, sondern am Ende, würde ich sagen, ist es eine Form von Dialog, mit dem wir Essays, gemeinsame Frankfurt-Essays geschrieben haben, so würde ich sagen und sehr verdichtete Antworten auch. Das heißt, es sind Texte entstanden aus den Gesprächen, die ohne meine Mithilfe nicht entstanden wären. Ich habe sozusagen mit meinen Impulsen und Fragen und den Treffen diese Menschen dazu gebracht, über Frankfurt nachzudenken und über ihre Frankfurt-Essays sozusagen zu sprechen, die wir dann geschrieben haben.
Bei den einzelnen Interviews ging es also auch immer ein bisschen darum, einen Blick zu haben, den auch die Interviewpartner haben, auf Frankfurt oder durch Frankfurt, weil man hier länger lebt, ist das ja nicht, also ist das eine Zwangsweise. Das stimmt, wobei ich nicht nur mit Leuten gesprochen habe, die in Frankfurt leben, sondern manchmal auch mit Leuten, die hier für bestimmte Projekte immer wieder in der Stadt waren. Zum Beispiel Tim Ulrichs kommt aus Berlin, war dann in Hannover beziehungsweise Münster an der Hochschule und der ist vor allem in den 60er, 70er Jahren immer wieder nach Frankfurt gekommen, hat sich eben von Horst Streckenbach, einem Pionier der Tattoo- und Piercing-Szene, tätowieren lassen im Rahmen seiner bildenden Kunst, hat hier Performances aufgeführt, hat sich von einem Detektivbüro beschatten lassen, hat auch auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt, in Galerien ausgestellt, hat Arbeiten beigetragen für das Diskus des Studierendenmagazin und der hat sozusagen eine involvierte, in Frankfurt involvierte Biografie, aber trotzdem so einen Fremdblick, sage ich mal.
Dann gibt es auch Roger Fritz, das ist ein mittlerweile leider verstorbener Regisseur, Schauspieler, Fotograf, der hat in den 80ern den Film Frankfurt-Kaiserstraße gedreht, beziehungsweise ein Kultfilm, auch wenn er nicht sehr bekannt ist, aber extrem kultig in der Machart, der mir extrem gefällt und da hatte ich einfach Lust, mit diesem Regisseur über diesen Film zu sprechen, nochmal in dieses Bahnhofsviertel der 80er reinzugehen und auch der war zeitweilig immer wieder in Frankfurt, hat hier mal mit einem Alfa Romeo an einem Rückwärtsrennen teilgenommen und so, da gibt es auch dann viel Anekdotisches, was so entsteht, aber natürlich andere Figuren wie Sybille Treves, eine Psychoanalytikerin, die hier praktiziert, seit den 70ern auch von Mitchellig an das Sigmund-Freud-Institut geholt wurde oder Daniel Cohn-Bendit, der natürlich extrem verwoben ist seit 1968, seitdem er aus Paris, Frankreich ausgewiesen wurde und in vielerlei Hinsicht Frankfurt auch geprägt hat auf unterschiedlichen Ebenen. Also es gibt sozusagen beide Blicke, es gibt die, die biografisch verwurzelt sind mit der Stadt und es gibt die, die aus verschiedenen Gründen mal in die Stadt kamen und mit der Stadt gearbeitet haben. Jetzt hast du natürlich deine Interviewpartner auch ausgesucht, du hast sie gesucht, manche haben vielleicht dich gefunden, aber das ist ja auch schon ein Filter, der deine Sichtweise über die Interviewpartner über Frankfurt ja auch erahnen lässt.
Oder was hat dich angetrieben, genau die Leute auszusuchen und vielleicht andere nicht? Also bei Tim Ulrichs, den ich jetzt öfter genannt habe, da war es so, dass ich ihn das erste Mal aus anderen Gründen, aus Gründen eines Auftrags für eine Kunstausstellung in Weimar getroffen habe und ich lebe hier in Frankfurt. Die Idee war, trifft ihn mal im Wetterpark in Offenbach, wir wollen über Wetterphänomene sprechen, der hat viel zum Wetter gemacht und du bist eben hier im Rhein-Main-Gebiet, übernimm das doch mal und dann habe ich eben mit Tim Ulrichs dieses Interview geführt, wir sind durch den Wetterpark spazieren gegangen in Offenbach und er hat aber immer wieder über Frankfurt sprechen wollen, ist sozusagen immer wieder aus diesem Gespräch über Wetterphänomene und den Wetterpark hinaus gegangen und hat sich erinnert und das fand ich extrem spannend, also weil auch vieles mir nicht bekannt war. Er hat auch sehr viele Anekdoten erzählt, die so nicht irgendwo hinterlegt oder abgebildet sind und da dachte ich mir, das wäre zu schade, wenn das irgendwie versandet, versickert.
Ich treffe den nochmal und spreche ganz explizit über all das, was er in Frankfurt gemacht hat und so ging es eigentlich los und dann habe ich tatsächlich so meinen Interessen und Neigungen ein Stück weit Raum gegeben. Ich habe dann als nächstes mit Udo Nieper gesprochen, einem nicht allzu bekannten Architekten aus Darmstadt, der in Frankfurt meine Lieblingsstation, um das mal sozusagen die U-Bahnstation Bockenheimer Warte gebaut hat, war aber auch beteiligt am Umbau der Zeil zu einer Fußgängerzone und mit Udo Nieper habe ich dann explizit über diesen U-Bahnhof gesprochen, der mich immer interessiert hat, fasziniert hat. Mittlerweile leide ich auch daran, weil er mehr und mehr so verkommt, die Stadt auch viele Dinge abnimmt, kaputt macht, zubetoniert.
Das ist nochmal eine andere Geschichte. Dann habe ich auch gesprochen mit der Fassbinder-Witwe Juliane Lorenz, weil Fassbinder mich seit jetzt 20 Jahren begleitet und gerade seine Frankfurt-Zeit für mich spannend ist. In einem Jahr mit 13 Monaten, so der Frankfurt-Film ist, könnte man sagen, für mich auch einer der wichtigsten Filme und da war es dann auch spannend, mit ihr nochmal über diesen Film zu sprechen.
Sie war auch zeitweilig hier während des Drehs, hat ihn die Jahre danach als Lebensgefährtin mitbekommen und so ging es immer weiter. Mit Karl-Heinz Braun im Sokamp-Lektor habe ich über Peter Handkes Stück die Publikumsbeschimpfung gesprochen, die hier uraufgeführt wurde im TAT. Also es geht eigentlich immer darum, konkret mit einer Sache, sei es ein Theaterstück, eine U-Bahn-Station, ein Foto oder auch im Fall von Klaus Walter, Frankfurt-Songs, eine Sache zu nehmen, die mit jemandem, der da eng mit verbunden ist, drüber zu sprechen und dann aber auch aus dem Konkreten sozusagen darüber hinaus ins Allgemeine zu gehen und über die Stadt als Ganze zu sprechen.
Und dann nicht nur, das ist mir wichtig, sentimental zurückzuschauen und einfach nur sich nochmal erzählen zu lassen, was war und was ist nicht mehr, sondern auch so einen Transfer zu leisten, zu sagen, jetzt schauen wir uns aber mal an, was heute ist im Kontext von dem, was was du gemacht hast, was du gedacht hast, wie gehst du damit um, was denkst du und das ist so der Ansatz der Interviews und dann auch immer noch einen Vorausblick in die Zukunft schauen, was ist möglich, was sind die Impulse, die man der Stadt mitgeben kann. Also ich muss sagen, ein Aspekt scheint mir ja interessant, dass diese persönliche Verbindung, die man auch finden kann, wenn du von der Bockenheimer Warte sprichst, natürlich das Foto links hinten, der Chorleiter, wir hatten bei dem Harmonielehreunterricht, der hat uns gequält mit seinen Quintparallelen. Man kennt die Leute persönlich oder die Begebenheiten und Orte, von denen du jetzt sprichst, das ist natürlich eine Verbindung für die Leute, die das potenziell auch gerne hören möchten, um sich zurückzuerinnern.
Natürlich sind heute andere Leute in Aktion, das heißt, ich sage mal, in 20, 30 Jahren kann man so ein Buch wieder schreiben, wo dann einfach andere Geschichten drin sind, oder? Das stimmt, da bringst du mich auf den Gedanken, der mir jetzt die letzten Wochen so kam. Für mich ist vor allem auch spannend, die Zeit der 1920er Jahre, das Bauhaus, dann hier speziell die Zeit des Neuen Frankfurt und da ist es für mich ja schon so, dass die, die da involviert waren, Ferdinand Kramer, Ernst May und so weiter, die sind alle nicht mehr. Das heißt, da kann ich keine Interviews mehr führen, aber es gab Leute, die in den 60er, 70er Jahren eben diese Menschen aus den Zwanzigern getroffen haben und deren Gespräche ich liese.
Und das ist schon ein Schatz, das ist ein Archiv, weil es ist mehr als nur, wir haben das oder das gemacht, das gibt es eh schon in irgendwelchen Architekturbüchern, sondern es ist wirklich noch mal ein Überführen auf die Zeit der 60er, 70er, auch ein Kritisieren, eine Form von Selbstkritik, ein Einteilen, was ist uns gelungen, was ist uns nicht gelungen und das ist sehr viel wert, dieses Archiv dieser Gespräche und das ist so das, was ich mir hoffe, dass in 20, 30 Jahren am Ende dieses Buch, das ich jetzt noch führen konnte mit den Menschen, die meistens, wenn nicht Mitte 70 schon über 80 sind, manche auch über 90, dass das auch ein Archiv ist, das man gewinnbringend lesen kann, weil ich schon glaube, dass diese 60er, 70er, 80er Jahre eine besondere Zeitspanne waren und vor allem Frankfurt einfach der zentrale Ort für Westdeutschland war, in dem so viel zusammenkam und das ist jetzt nicht in jedem Jahrzehnt genauso wieder wiederholbar wie die Zwanziger in Frankfurt, die Zeit des Neuen Frankfurt, ist diese Zeitspanne sehr besonders und deshalb denke ich, da ist dieses Buch auch in 20, 30 Jahren wieder spannend zu lesen und ich freue mich auch darauf, selbst das dann in 20 Jahren noch mal zu lesen und irgendwie diesen Schatz an Erinnerungen und Ideen und Gedanken zu haben. Du hast erwähnt, die Zukunft, das ist ja schon eine Frage, die wir uns heute auch ständig stellen in unserer heutigen modernen Gesellschaft, verändern sich ja viele Kommunikationskanäle, das heißt damit mehr elektronischer, da haben andere Player plötzlich sind an den Schaltstellen, also sorgen dafür, dass was gesehen wird oder nicht gesehen wird, gehört wird oder nicht. Was ist denn dein Eindruck, ist denn da jetzt so ein Interview, mehrere Interviews in Buchform, ist das überhaupt noch zeitgemäß, funktioniert das, ist das gut aufgestellt für die Zukunft, um auch beständig zu sein oder ist das irgendwann nur alter Kram in Bibliotheken? Das ist eine extrem gute Frage.
Ich würde sagen, es ist jetzt schon ein Stück weit antiquiert, dass ich diese Interviews schreibe, weil die zeitadäquate Form wäre, ich mache einen Podcast draus, ich treffe die Leute, wir reden, vielleicht wird noch ein Bewegtbild mitgeschnitten, dann kann man es noch auf YouTube stellen. In gewisser Weise kollidiere ich da jetzt schon mit so Zeitmoden, aber ich finde, darin liegt auch eine Chance, weil bei allem Charme, den das hat und aller Qualität, ich höre auch sehr gerne Podcasts, Radiointerviews, also das, was wir jetzt machen, ist es aber doch oft so, dass ich in diesem Moment eben sage, was ich sagen kann und im Nachhinein fallen mir noch Dinge ein, die ich hätte vielleicht gern gesagt oder manches anders gesagt. Das hat die Qualität der Spontanität, das ist unmittelbar, aber es bleiben auch Sachen außen vor, die verloren gehen, noch weiter in die Tiefe zu gehen und da eignet sich eben dieses Schriftenmedium, das, was ich vorhin gesagt hatte, möglich ist, dass man sozusagen sich noch mal reinstellt in das Gespräch und noch mal eine Antwort ausweitet, noch mal nachfragt und ich finde schon, jetzt ist gerade auch Buchmesse, ich war heute auch noch mal da, dass trotz dieser Unkenrufe seit vielen Jahren, das Buch ist irgendwie tot oder stirbt, sich die Schriftsprache einer extremen Beliebtheit erfreut und ich glaube, das sehe ich bei mir selbst auch, die Versuchung ist groß, das Handy anzustellen und irgendwas laufen zu lassen, Podcasts oder eben Bewegtbilder und es führt aber dazu, dass man irgendwie immer halb da ist, aber nicht ganz da, meistens macht man noch irgendwas und beim Bewegtbild ist man aber auch sehr so absorbiert, das ist jetzt der Vorteil von Radio, wir hören, aber wir haben noch andere Sinne für andere Dinge und man ist danach oft ziemlich leer, obwohl eigentlich ja so viel konsumiert wurde und das Schöne am Buchlesen ist, dass es meditativ ist, also ich habe das Gefühl, wenn ich lese, wenn ich es denn schaffe, man muss sich erst mal durchringen, da ist jetzt kein anderes Signal, dass man sehr zur Besinnung kommt und ein Stück weit heller und klarer ist danach, also wie so eine Form fast katharsischer Reinigung oder so, das hat eine extreme Qualität und ich denke, dass bei diesen ganzen Zumutungen an Sinnproduktion, an äußeren Reizen die Schrift auch wieder an Attraktivität gewinnen wird, so wie die Leute jetzt auch auf einmal, weiß ich nicht, ins Kloster gehen oder Meditation für sich entdecken, ist eigentlich das Lesen auch eine extrem meditative Form, die, bin ich mir sicher, auch in 30, 40 Jahren ihre Qualität uns beweisen wird.
In letzter Zeit sind ja so automatische Systeme, die Texte erzeugen können, stark im Kommen, also wir reden jetzt von künstlichen Intelligenzsystemen, was sagst du denn als Autor, der jetzt aufwendig so ein Buch herstellt, betrifft dich das irgendwie oder sagst du, es ist neumodischer Kram und kommt und geht? Das ist spannend darüber nachzudenken, also ich habe tatsächlich jetzt diese Jahre, in denen ich mich mit dem Buch beschäftigt habe, noch vor dieser Zeit geschrieben, ich habe auch noch, das war ich glaube jetzt vor zwei Jahren auch schon möglich, aber ich habe wirklich diese Gespräche gehört, transkribiert, alle fünf Sekunden die Stopptaste gedrückt, das heißt, da ging so viel Zeit ins Land und mittlerweile ist es natürlich möglich, einfach zu sagen, ich nehme es auf und spuck mir die Transkription aus und die ist technisch mittlerweile auch sehr gut, habe ich mir sagen lassen, das habe ich selbst noch gar nicht ausprobiert, deshalb, ich weiß nicht, müsste jetzt lügen, deshalb kann ich das nicht beantworten, ich weiß nicht, wie ich das Buch jetzt schreiben würde, ob ich es schreiben würde, mit den Möglichkeiten, die jetzt da sind. Ich habe sozusagen die letzten Jahre noch vor dieser KI-Zeit das erarbeitet und bin da auch irgendwie froh, bin auch stolz, weil das war dann wirklich fast Schweißtreiben, das war wirklich Arbeit und vielleicht hätte ich dann auch, weil es so eine große Versuchung ist, gesagt, transkribieren wir das schon mal und wie auch immer. Was ich sagen kann noch, dieses Gespräch aber anhören und dabei transkribieren, das führt dazu, dass man wirklich nochmal in eine starke Verbindung kommt zu den Menschen, mit denen man gesprochen hat und auch währenddessen sich Fragen stellte, Fragen nach der Dramaturgie, wie geht es weiter, welche Frage hänge ich an, weil ich nicht eins zu eins einfach das Gespräch abbilde, sondern Schwerpunkte setze, manche Sachen eher zurücknehme oder manchmal auch Dinge an eine andere Stelle dann anfüge, weil es einfach dramaturgisch besser passt und all diese Gedanken habe ich mir gemacht, während ich transkribiert habe und wenn ich jetzt einfach auf die Taste zum Beispiel drücke, dann fallen diese Gedanken weg und da weiß ich nicht, aber ich will jetzt auch nicht so weit gehen und sagen, dass das alles Quatsch oder so ist, es wird die Arbeit verändern und es wird mit Sicherheit auch meine Arbeit verändern und da bleibt es dabei zuversichtlich zu sein und es anzugehen, weil bei allen Dingen, die auch in der Vergangenheit da waren, gab es Gefahren, aber es gab auch Chancen und mit Sicherheit als die ersten Fotoapparate erfunden wurden, war das für die malende Zunft auch schwierig, damit zurechtzukommen, dass man auf einmal mit einem Klick abbilden kann, wo man irgendwie Tage oder Wochen lang daran gearbeitet hat und heute sind wir aber soweit zu sagen, so jemand wie Barbara Klemm, das ist eine Künstlerin, das ist nicht nur einen Klick, sondern die Art und Weise, wie ich mit Technik umgehe, ist auch eine Kunst, es ist eine Fertigkeit und deshalb denke ich, wahrscheinlich wird es auch so sein, mit dieser künstlichen Intelligenz, dass da viel Quatsch mit möglich ist, wie man auch fotografieren kann und alle mit den Händen fotografieren, aber wirklich gute Bilder entstehen nicht einfach nur per Klick und deshalb wahrscheinlich wirklich gute Dinge mit KI entstehen einfach nicht einfach nur so, sondern da brauchst du dann auch eine Raffinesse, diese KI zu bedienen und deshalb denke ich, wird der Mensch nicht einfach da verschwinden, sondern er muss sich anders wieder behaupten und im Guten mit dieser Technik umgehen.
Soweit also jetzt Kenneth Huyer über sein neues Buch. All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt. Wir hören jetzt die Lesung mit Teilen aus diesem Buch.
Die Interviewteile teilen sich auch auf. Benedikt vom Ventilverlag, der die Fragen stellt und Kenneth, der die Antworten seiner Interviewpartner vorliest. Ja hallo, vielen Dank für die Einführung.
Ich bin Benedikt vom Ventilverlag, wie gesagt. Neben mir sitzt Kenneth, der bei uns im Verlag sein Buch All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt Gespräche über eine Stadt veröffentlichen wird. Es handelt sich hierbei eben um ein Interviewband.
Kenneth hat sich mit elf Persönlichkeiten aus der Zeit der 1960er bis 1980er schwerpunktmäßig getroffen und sich mit ihnen darüber unterhalten, was Frankfurt in dieser Zeit eigentlich zu so einem Brennpunkt kultureller und politischer Entwicklungen machte. Genau, also die Bandbreite der Interviewten reicht von der Schriftstellerin Eva Dembski, der Fotografin Barbara Klemm, die bestimmt einige kennen, über den Musikjournalisten Klaus Walter, Daniel Kohn-Bendit, den Surkamp-Lektor Karl-Heinz Braun bis hin zu dem Konzeptkünstler Tim Ulrichs, über den wir heute schwerpunktmäßig mehr erfahren werden. Und im Zusammenspiel ergründen diese Interviews eben die Kernfrage des Buchs, also was hat Frankfurt damals zu so einem dann doch besonderen Ort in der Bundesrepublik gemacht.
Zu dieser Zeit kulminierten am Adornos-Institut für Sozialforschung beispielsweise die Studierendenproteste, die Spontis um Kohn-Bendit und Joschka Fischer mischten die Polizäne der Bundesrepublik auf, im Frankfurter Häuserkampf wurde um das Stück von Fassbinder heftig gestritten und genau im Theater am Turm beispielsweise wurde das Publikum beschimpft. Frankfurt war zu dieser Zeit die Stadt der Psychoanalyse, der Verlage und mit Sicherheit auch der Architektur. Leider liegt das Buch anders als geplant aktuell noch nicht vor, sondern wird jetzt erst in Druck gehen, erscheint Ende November, kann allerdings vorbestellt werden unter anderem über die Verlagswebsite und wir haben vorne am Bücherstand Postkarten ausgelegt, die kann man sich gerne mitnehmen, da ist das Cover drauf und auch noch mal alle Infos zum Buch.
Genau, Kenneth wird jetzt zunächst aus dem Vorwort lesen, in dem er erläutert, wie eigentlich aus einem einzelnen Auftrag die Idee zu diesem umfassenden Interviewband entstanden ist und er wird seinen Ansatz erläutern, also so aus verschiedenen Interviews zu sehr bestimmten Themenbereichen dann Panorama der Stadt Frankfurt in dieser Zeit entstehen zu lassen, genau und damit würde ich erstmal an dich übergeben. Ja, Dankeschön und hallo auch von meiner Seite, schön, dass ihr da seid. Alle reden vom Wetter, wir nicht.
1968 montierte der SDS diesen Slogan, entnommen einer Werbekampagne der Deutschen Bundesbahn, unter die Konterface von Marx, Engels und Lenin. Weltgeschichte statt Wetterbericht, Revolution statt Regenwahrscheinlichkeit. 50 Jahre später nimmt dieses Buch seinen Ausgang bei einem Wettergespräch.
2018 erhalte ich den Auftrag für eine Ausstellung, den Konzeptkünstler Tim Ulrichs zu interviewen. Wir treffen uns in der Lobby eines Hotels im Frankfurter Bahnhofsviertel, fahren mit dem Taxi nach Offenbach und spazieren durch den dortigen Wetterpark. Zwischen roten Windfahnen, Wetterradar und Wolkenformationen entspinnt sich ein Gespräch über das Bauhaus und seine Kälteschachteln, über das Nacktwandern bei Gewitter, den Blitzableiter umgeschnallt und über die Messbarkeit des Unsichtbaren.
Doch immer wieder kehrt Ulrichs im Gespräch nach Frankfurt zurück. Er erinnert sich an seine erste Selbstausstellung 1966 in der Galerie Patio, eine Aktion mit dem legendären Frankfurter Tätowierer Horst Streckenbach, an Performances in der Frankfurter Innenstadt und an eigene Stände auf der Frankfurter Buchmesse. Zwei Jahre später fahre ich nach Berlin, um Ulrichs noch einmal zu treffen.
Diesmal, um ausführlicher über seine Kunstaktion in Frankfurt zu sprechen und über Frankfurt im Kontext seiner Kunst. Was als einzelnes Gespräch beginnt, wird zum Auftakt einer Reihe. Seither habe ich mit gut einem Dutzend Menschen gesprochen, aus unterschiedlichsten Disziplinen, mit verschiedensten Biografien.
Immer ging es darum, Frankfurt ins Zentrum zu rücken und zugleich die Gespräche so zu führen, dass sich die Stadt in den Porträts der Interviewten spiegelt. Zu Beginn der Arbeit stand nicht fest, dass sich die Gespräche vor allem um Ereignisse, Themen und Menschen drehen würden, die mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden sind.
Genauer gesagt in 1960er bis 1980er Jahren. Das hat sich so ergeben. Sicherlich nicht ohne Einfluss, meine Faszination für diese Zeit.
Doch Frankfurt war in diesen Jahrzehnten ganz objektiv ein besonderer Ort. Die Stadt verdichtete wie keine andere westdeutsche Großstadt die politischen, ästhetischen und intellektuellen Umbrüche der Nachkriegsmoderne. Sie war eine Stadt des Experiments, des Aufbruchs, der radikalen Entwürfe, ein Möglichkeitsraum.
Anstatt diese Phase systematisch zu vermessen, ging es mir darum, vom Besonderen aufs Allgemeine zu zielen. Ausgehend von einem Film, einer U-Bahn-Station, einem Theaterstück, einem Roman, von Fotografien bis hin zu Musikstücken. Die Auswahl der Themen und Gesprächspartner spiegelt dabei persönliche Neigungen und Verbundenheiten wider.
Dinge, die mir wichtig sind, nah oder schlichtweg lieb. 1985 in Frankfurt geboren, verbringe ich nur die ersten drei Monate meines Lebens dort. Genug, um später eine Sentimentalität mit der Stadt zu verbinden, die der Erfahrung vorausgeht.
Ich wachse in der nordhessischen Provinz auf, in einem Dorf, in dem man nur ganz dazugehört, wenn die Großeltern schon da waren. Meine waren es nicht. Ich bildete mir als Kind ein, die Bäume dort flüsterten den Alteingesessenen anders zu als mir.
Vertrauter, wärmer vielleicht. Nach dem Abitur zieht es mich in Städte. Erst Hamburg, dann Berlin, später Rom.
Ich werde Teil von Szenen, aber nie Teil der Stadt. Ich lerne mit Ungebundenheiten zu leben, temporäre Zugehörigkeit, das Leben zwischen Seminar, Bibliotheks und Bandproberäumen. Was mir fehlt, merke ich während meiner dritten Station.
In Rom treffe ich Menschen, die ihre Stadt als ganzes leben. Biografisch verwachsen, lokalpolitisch eingebunden, im Stadio Olimpico die AS Roma anfeuernd. Ich sehe das, beneide es, doch gelingt es mir auch nach einigen Jahren nicht, selbst Wurzeln zu schlagen.
Frankfurt, so diffus die Erinnerung, wird zum Sehnsuchtsort. Nicht die Stadt meiner Kindheit, sondern als Skizze des Ankommens. 2015 kehre ich zurück, ohne beruflichen Plan, aber mit dem Wunsch, Teil dieser Stadt zu werden.
Hier flüsterten Orte, Gebäude, Straßenzüge. Mir, neben dem neuen Frankfurt der 1920er Jahre, vor allem von einem nochmals neueren, anderen Frankfurt der vorgenannten Jahrzehnte. Wenn gleich, wie Eva Dembski in Scheintod schreibt, das Pflaster seit dem 68er Jahr längst abgekühlt war und man könnte fortführen, die Gitarren der Dors auf dem Römerberg verstummt, die Theaterexperimente vollzogen, die postmodernen Bauten errichtet, gab es sie noch.
Spuren, Stimmen, Menschen, bei denen sich etwas erhalten hatte von jener Spannung. Zum Beispiel in dem kleinen 2001-Laden im Parkhaus Hauptwache am Kornmarkt 14. Auf wenigen Quadratmetern versammelten sich hier Tag für Tag Menschen um eine Espresso-Maschine, redeten und kamen im Sprechen zu wirklicher Erfahrung.
Das Geschäft des einstigen Frankfurter Kraftwerks der Alternativkultur, das Anfang der 1970er Jahre die erste bundesdeutsche Verkaufsstelle des Verlags war, wurde 2019 geschlossen. Mehr als anderswo gilt in Frankfurt, was Alexander Kluge 1985 als Filmtitel formulierte. Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.
Die Stadt zeigt wenig Neigung zur Sentimentalität. Sie krebt sich um, reißt ab, was gestern noch gebaut wurde, kappt ideelle Verbindungslinien wie lästige Altlasten. Selbst Projekte wie die neue Altstadt widersprechen diesem Gestus kaum.
Sie sind weniger Wiederherstellung als Re-Enactment, Kulisse statt Kontinuität. Mit der Frankfurter Gegenwart konnte ich mich selbst nicht wirklich verbinden. Zur Beheimatung braucht es ohnehin Geschichte, nicht konserviert, sondern durchlebt, weitergetragen, spürbar.
Der Soziologe Lucius Burkhardt notierte über seine angeleiteten Streifzüge durch Kassel:
Sinn dieser Aktion war, uns ins Bewusstsein zu rufen, dass auch eine zerstörte und einigermaßen geschichtslos wiederaufgebaute Stadt voller Geschichte in Form von Geschichten ist. Zweifellos spielt dabei auch der Ort eine Rolle. Wichtiger aber ist es, die Geschichten selbst wieder ins Bewusstsein zu bringen.
Burkhardt forderte keine angeschraubten Gedenktafeln, sondern eine erzählende Form, um die Stadt zum Sprechen zu bringen. Dieses Buch ist keine Stadtchronik, sondern ein Umweg über Stimmen. Ein Stadtplan aus Erzählungen, montiert aus Gesprächen.
Fragment, Topografie, Spurensuche. Ich habe mit Menschen gesprochen, die Frankfurt geprägt, erfahren oder durchschritten haben, mit ihren Biografien, Gedankenwegen. Ihre Perspektiven reichen zurück, aber greifen auch voraus.
Schließlich habe ich begonnen, mich durch diese Gespräche selbst in der Stadt zu verorten. Es war ein Einfinden in Geschichte durch Geschichten, in Stadt durch Stimmen. Frankfurt erscheint dabei nicht als Kulisse, sondern als Mitakteurin.
Widerspenstig, formend, manchmal leuchtend. Vielleicht ist dieser Band in Burkhardts Sinn eine Möglichkeit, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich erzählend führen können. Vielen Dank für diesen ersten Einblick.
Wir hatten uns im Vorgespräch überlegt, verschiedene Ausschnitte aus Interviews zu lesen. Wir haben uns aber dafür entschieden, stattdessen das erste Interview mit dem Künstler Tim Ulrich ganz zu lesen. So weit, wie wir in der Zeit kommen.
Magst du einmal deine Überlegungen dazu erläutern, warum wir das jetzt so machen? Die Idee war zuerst, weil es Themen gibt, die sich in den Gesprächen wiederholen oder immer wieder auftauchen. Also die Rekonstruktion der sogenannten Neuen Altstadt, auch die Hochhausarchitektur. Für mich sehr spannend, die Bühnenbesetzung von Fassbinder's Die Stadt der Müll und der Tod wurde eigentlich immer aufgegriffen.
Auch nicht nur von mir als Fragesteller, sondern bei Klaus Walter über einen Song von Ulla Meinecke, den wir gehört haben. Bei Barbara Klemm war es ein Foto, aber ganz verschiedene Kontexte mit ganz verschiedenen Einschätzungen. Auch Erinnerungen an die Zeit und eben Positionierung, heutige Positionierung.
Klaus Walter hat am Ende sich distanziert von seiner damaligen Positionierung und hat in dem Boykott ein Stück weit ein Verwegnehmen der Spaltung der Linken in den 90ern zwischen Anti-Imps und Anti-Deutschen hergeleitet gesehen. Die Psychoanalyse spielt immer wieder eine Rolle und auch Adorno oder Mitchellig tauchen auf. Und dann war die Idee, wir schneiden so ein Stück weit aus den verschiedenen Interviews unter diese Headlines, die Aussagen und Ideen.
Und das hat sich für mich aber irgendwie nicht richtig angefühlt, weil das so sehr technisch ist und ich das so ein Stück weit, als wäre das so ein wissenschaftlicher Gegenstand referiere. Weshalb wir am Ende uns entschieden haben, das erste Interview des Buchs zu lesen mit Tim Ulrichs, weil es zum einen das kürzeste ist. Das wäre auch noch vielleicht eine kurze Anmerkung zu dem Buch.
Die Interviews werden im Laufe der Zeit länger, weil ich mir einfach mit jedem Interview mehr zugetraut habe. Und im ersten Interview sind meine Fragen vor allem Impulsfragen. Und das wandelt sich auch bis dahin gehend, dass am Ende des Buchs im Gespräch mit Klaus Walter wir so ein bisschen irgendwann die Rollen tauschen und Klaus Walter nicht mehr antwortet, sondern mich fragt, warum ich frage und ich meine Fragen erkläre und beantworte.
Aber ja, beim ersten Interview bin ich noch vergleichsweise schüchtern und zurückhaltend und gebe Impulse, mit denen Tim Ulrichs arbeitet. Okay, wir werden das jetzt nachfolgend so machen. Also ich werde jetzt zu dir werden und werde der Fragensteller.
Du antwortest dann als Tim Ulrichs. Vorher gibt es noch eine kurze Info. Also in den Interviews sind immer kurze Teaser vorangestellt, in denen die Personen vorgestellt werden.
Das wird Kenneth jetzt zuerst lesen und dann folgt das Interview. Auf der Leinwand hier hinter uns werden wir Materialien zeigen, die die Interviews begleiten. Also es gibt diverse Illustrationen in dem Buch, die eben zur Verfügung gestellt wurden von den Interviewten.
Teilweise sind das auch noch unveröffentlichte Materialien. Genau, und die zeigen wir dann hier im Hintergrund. Tim Ulrichs Werk ist kaum zu überblicken.
Anstatt einen unverwechselbaren Stil auszubilden, wechselt er ihn immer zu, findet zu immer neuen Ideen und bespielt dabei alle Disziplinen der bildenden Kunst. Oft fand seine Konzeptkunst erfolgreiche Nachahmer. Nicht selten wurde er dabei verschwiegen.
Als Dokumentarteilnehmer weiß Ulrichs bereits zu Lebzeiten um ein von ihm gestaltetes Grabmal auf der Kassler Künstlernekropole. Seine Arbeit »Versunkenes Dorf« wurde zum Kunstanbauprojekt der Münchner Allianz Arena. Nackt lief er mit Blitzableiter bei Gewitter über ein Feld.
Mit Blindenbrille, Blindenstock und gelber Armbinde trug er ein Schild mit dem Schriftzug »Ich kann keine Kunst mehr sehen«. Viele seiner inszenierten Bilder sind längst ikonisch. 2020 erhielt der 1940 in Berlin geborene Ulrichs den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste für sein Lebenswerk.
Die Stadt Frankfurt spielt dabei gerade zu Beginn seiner Karriere eine wichtige Rolle. Im Gespräch erzielte Ulrichs von der Mainmetropole als zeitweiligem Umzugsziel, wo man Adornos minima moralia für ihn küsste, Kunst in seine Haut ging und eine verdeckte Beschattung seiner Personen an der Straßenbahnhaltestelle endete. Nachdem sie sich 1961 zum ersten lebenden Kunstwerk erklärten, wollten sie sich 1965 im Rahmen der juryfreien Kunstausstellung in Berlin konsequenterweise selbst ausstellen.
Doch wurde dies kurzerhand verboten. Ein Jahr später war es dann doch möglich, allerdings in Frankfurt. Wie kam es dazu? Das Verbot meiner Selbstausstellung griff damals das Sternmagazin auf und zur Illustration des Artikels schickte man einen Fotografen zu den Ausstellungshallen am Funkturm, wo wir heimlich im Depot ein Foto mit mir im Glaskasten machten.
Dieses Bild fand über eine Presseagentur weltweite Verbreitung. Infolge dieser Publizität wurde auch die mittlerweile legendäre Frankfurter Produzentengalerie Patio auf mich aufmerksam und bot mir an, meine Aktionen dort zu wiederholen. Diese Galerie war zu jenem Zeitpunkt einer der avanciertesten Orte für Kunst, nicht nur in Frankfurt, der große experimentelle Freiheit erlaubte.
Stanley Brown beispielsweise, der Konzeptkünstler aus Amsterdam, präsentierte sich hier erstmals in der Bundesrepublik. Mich kontaktierte damals Walter Zimprich, einer der Gründungsväter der Galerie, die sich in einem Hinterhof in Sachsenhausen befand. Ich erinnere mich noch gut an den Fußweg dorthin, über den von Max Beckmann im Bild festgehaltenen eisernen Steg, von wo man über die rechts liegende Schifferstraße in den Hinterhof der Laubestraße 24 gelang.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Berliner Verbot fand dort dann meine Selbstausstellung statt. Sie verlief über fünf Abende, vom 1. bis zum 5. Juni 1966. Haben Sie auch noch Erinnerungen an die Ausstellungsabende? Ich erinnere mich, wie mir der Maler Weiner Schreib Bonbons in die Glasvitrine warf.
Andere zogen Krimassen wie vom Affengehege im Zoo. Ich aber habe mir nichts anmerken lassen, sondern saß stillschweigend da und habe gelesen. An der Wand hingen Dokumente aus meinem Leben.
Geburtsurkunde, Impfschein, Röntgenbild, Wegekarte, Blut- und Samenproben. Trotz ihrer kurzen Dauer und der unaufwendigen Inszenierung hatte die Schau eine erstaunliche Resonanz. Wie fiel diesmal die Berichterstattung aus? Der Theaterpapst Günter Rühle schrieb am 3. Juni im Filettor der FAZ einen sehr wohlwollenden, vierspaltigen Bericht.
Tim stellt sich aus. Das Time-Magazine titelte Don't Feed the Sculpture. Meine Schwester schickte mir das Allow-Magazine aus Hawaii, das ebenfalls ein Foto brachte.
Und das Sunday Bulletin in Philadelphia veröffentlichte gar ein Cartoon zu meiner Frankfurter Ausstellung, der Vor- und Nachteile lebender Kunstwerke bei Haus- und Gartenarbeiten abwog. Man kann durchaus sagen, das Thema ging um die Welt. Was war dieses Frankfurt damals für eine Stadt? Frankfurt galt ganz klar als das intellektuelle Zentrum der Bundesrepublik.
Als ich 1966 mein Architekturstudium in Hannover abbrach und mich als Eisverkäufer, Bauzeichner und mit anderen Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, habe ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, nach Frankfurt zu ziehen. Zwar hatte ich auch West-Berlin im Kopf, wohin ich stets einige Kontakte hatte, jedoch war Berlin seinerzeit künstlerisch eine Realistenhochburg, für mich also weniger interessant. Natürlich war noch Düsseldorf als führende Künstlerstadt und Köln als Hauptstadt des Kunsthandelns bedenkenswert.
Aber mich reizte Frankfurt am meisten. Da war damals nämlich ordentlich viel los. Neben der Galerie Patio gab es weitere Avantgarde-Galerien, wie etwa die Galerie Dato bzw.
Galerie D, die Galerien von Ursula Lichter und Dorothea Löhr und die Studiogalerie der Goethe-Universität. Auch der Schriftsteller und Galerist Adam Seite hatte seine Tätigkeit von Hannover nach Frankfurt verlegt. An seiner Zeitschrift Der Egoist, später Der neue Egoist, habe ich mehrmals mitgearbeitet.
In der Frankfurter Studentenzeitung Diskus, dessen durch Calria verantwortetes Feuilleton die damals experimentellsten Texte publizierte, konnte ich einige Male ganze Seiten gestalten. Mit einem Totalkunstmanifest, seriellen Formationen und einer Kollektion von Kanaldeckeln. Zweimal habe ich gar mit eigenem Stand an der Buchmesse teilgenommen.
1969 und 1970. Zudem studierte meine Freundin Alvine L. bei Adorno und sie schenkte mir dessen Minima Moralia mit ihrem Lippenabdruck auf dem Umschlag. Sie hatte eine transparente Folie darüber geklebt, damit der Kuss nicht mit der Zeit sich verwischen möge.
Oft war ich im Club Voltaire, in dem auch Hans-Jürgen Krahl und Günter Amed vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund verkehrten. Schließlich blieb ich dann doch in Hannover mit einem Zweitwohnsitz in Münster, als mir dort 1972 eine Professur angeboten wurde. Weil ein Kunstwerk üblicherweise signiert wird, haben sie sich im Jahr 1971 als lebendes Kunstwerk vom Frankfurter Tätowierer Horst H. Streckenbach Pionier und Ikone der deutschen Tattoo- und Piercingszene, der mit seiner Mammillenrekonstruktion sogar Einzug in die medizinische Literatur fand, dann auch tätowieren lassen.
Sammys Tattoo-Studio, wie Streckenbach sein Atelier nannte, befand sich in der Kurt-Schumacher-Straße 2, wo ich es auf meinem Weg zur Galerie Patio entdeckte und alsbald seinen Inhaber kennen und schätzen lernte. Als mich 1971 Georg Bussmann, der damalige Leiter des Frankfurter Kunstvereins, einlud, mich an seiner Veranstaltung zu Experimenta IV zu beteiligen, schlug ich ihm drei Arbeiten vor, die auch allesamt realisiert werden konnten. Eine davon sollte eine öffentliche Tätowierung in den Räumen des Kunstvereins sein, wofür ich Streckenbach vorsah, der auch sofort zusagte.
Am 3. Juni baute er für die Aktion eigens einen Tresen im Kunstverein auf, den er mit Referenzabbildung bestückte, um einige seiner bisherigen Arbeiten und Motive vorzustellen. Es wurde eine eindrucksvolle Show und eine der ersten Verbindungen zwischen dem damals noch anrüchigen Metier des Tätowierens und bildender Kunst. Das Tattoo selbst war allerdings recht schlicht.
Es bestand allein aus der Signatur Tim Ulrichs 1940 bis. Das Enddatum blieb offen und soll zu gegebener Zeit nachgetragen werden. Um was handelte es sich bei den anderen beiden Arbeiten? Zum einen färbte ich mithilfe von speziellen Tabletten mehrere Tage lang mein Urin in verschiedene Farben ein und stellte ihn im Kunstverein in Erlenmeyerkolben aus.
Zudem sorgte ich in einer nahegelegenen, stark frequentierten öffentlichen Toilette am Paulsplatz für Irritationen, wo ich mich immer wieder an das erhöhte Ende einer Urinalrinne stellte und mein Wasser ließ. Sukzessive wendeten sich mir die Köpfe der anderen Anwesenden zu. Ich habe natürlich so getan, als sei alles ganz normal.
Zum anderen ließ ich mich von einer Frankfurter Detektei für einen Tag beschatten. In meiner Unbekümmertheit rief ich bei einem dem Branchenverzeichnis entnommenen Detektivbüro an und unterbreitete meinen Plan, eine Art Tagebuch zu erhalten, nicht aus eigener, subjektiver Sicht, sondern aus einer fremden, distanzierten Perspektive. Als Antwort bekam ich zu hören, man sei doch als seriöses Unternehmen für so einen Unfug nicht zu haben.
Daraufhin wandte sich ein Vorstandsmitglied des Kunstvereins an ein anderes Büro in der Kaiserstraße und berichtete, seine Frau, nehme es mit der ehelichen Treue wohl nicht so genau, habe womöglich etwas mit einem gewissen Herrn Ulrichs, der zurzeit im Hotel Gloria in der Münchner Straße logiere, und bat darum, dessen für einen Tag, diesen für einen Tag zu beschatten. Ich erinnere mich noch, wie ich an jedem Tag, dem 4. Juni 1971, aus dem Fenster meines Hotelzimmers blickte und auf der Straße einen wartenden Mann im Trenchcoat sah, wie man ihn aus schlechten Kriminalfilmen kennt. Ich ging also auf die Straße und weiter in Richtung Theaterplatz.
Im späteren Protokoll ist zu lesen, dass ich mich offenbar verfolgt fühlte und mich immer öfter umdrehte. Dabei habe ich nur nach meinem Verfolger geschaut, damit ich ihn nicht aus Versehen abschüttelte. Genau das ist dann aber passiert.
Auf dem Weg zum Kunstverein, der Mann in gebührendem Abstand immer hinterher, ist eine Straßenbahn an mir vorbeigefahren und dabei habe ich den Detektiv aus den Augen verloren. Daraufhin habe ich ihn suchen müssen, ihn aber nicht mehr gefunden. In seinem Bericht hat er dann geschrieben, ich sei urplötzlich in die Straßenbahn gesprungen und ihm dadurch entwischt.
Kommen wir nochmals zurück auf Horst Streckenbach. Wie war Ihr Verhältnis zueinander? Ihre Wege kreuzten sich ja im Fortgang noch des öfteren. Mich verband mit Sammy über viele Jahre ein durchaus freundschaftliches Verhältnis.
Schon in den frühen 70er Jahren schrieb ich ihm ein Gutachten, das ihm bescheinigte, nicht Handwerker, sondern Künstler zu sein, wodurch er in eine günstigere Steuerklasse kam. Wenn ich in Frankfurt war, habe ich ihn gern besucht und ihn auch mehrere Male eingeladen, seine Künste fortzuführen. Einmal nach Münster, wo er in unserer Kunstakademie einen Vortrag hielt, ein anderes Mal 1975 in den Kunstverein Hannover, wo ich ihn engagierte, öffentlich interessierte, zu tätowieren, die sich ihre Motive selbst auswählen konnten.
In dem Frankfurter Satire-Magazin Pardon erschien auf meine Vermittlung hin ein großer Artikel von Gerd Winkler, der Sammy leider kurzfristig in Schwierigkeiten brachte. Auf einer der Abbildungen war ein ganzkörpertätowierter Geschäftsmann zu sehen, dessen Ruf dadurch erheblichen Schaden nahm und der Sammy daraufhin verklagte. Letztlich lag die Verantwortung für die fehlende Unkenntlichmachung des Bildes allerdings bei der Zeitschrift.
Einmal half mir Sammy eine Zielscheibe, die ich mir 1974 in Barcelona von einem fremden Legionär über dem Herzen hatte stechen lassen, wobei man eigentlich eher von Ritzen sprechen müsste, so gut es ging zu korrigieren. 1981 war ich dann nochmals mit einem Kamerateam in seinem Studio, um mir auf das rechte Augenlied The End tätowieren zu lassen. Ein Motiv, das bis heute gern publiziert wird und für mich mit zunehmender Todesnähe natürlich seine Aktualität behält.
Ende der 80er Jahre, als wir keinen Kontakt mehr miteinander hatten, wurde Streckenbach durch einen übelgesinnten Finanzbeamten steuerlich zurückgestuft, woraufhin er rund 100.000 Mark an Steuern nachzahlen musste. Nachdem bereits zuvor seine Frau ermordet worden war, erlitt Sammy ein Herzinfarkt, musste sein Studio schließen und ist 2001 verarmt gestorben. Erlauben Sie mir die buchstäblich trostlose Überleitung zum Frankfurt der Gegenwart.
Vor wenigen Jahren ist die sogenannte neue Frankfurter Altstadt fertiggestellt worden. Von Ihnen gibt es eine Arbeit mit dem Titel Rekonstruktionen von 1988, bei der Sie einen Blumentopf zuerst in viele Einzelteile zerschlagen und jedes einzelne Teil daraufhin in einen neuen Blumentopf eingearbeitet haben. Wie denken Sie in diesem Zusammenhang über die Frankfurter Rekonstruktionen? Da bin ich zwiegespalten.
Ich verstehe die Trauer der Menschen um Dinge, um Bilder, um Gebäude, die während des Krieges zerstört wurden, den Verlust historischer, auch biografischer Werte. Ich denke an den Maler Karl Hofer, dessen Atelier ausgebombt wurde. Nach dem Krieg hat er viele seiner verlorenen Bilder mithilfe von Fotos oder aus der Erinnerung neu gemalt.
Manche Kritiker monierten, diese neu alten Arbeiten seien zu glatt, hätten ihr experimentelles Stadium eingebüßt. Es fehle die lebendige Auseinandersetzung im Bild, sie wirkt nur nachgepinselt. Ich aber kann Karl Hofer verstehen.
Ich habe selbst einige meiner alten Arbeiten aufgekauft, um sie wieder aufzumöbeln. Andere habe ich sogar rekonstruiert. In der Beantwortung ihrer Frage bin ich also vergleichsweise großzügig.
Vielleicht wäre ich es weniger, wenn zeitgenössische Architektur besser wäre. Wenn ich sehe, was nach dem Krieg gebaut worden ist, kann ich nicht sagen, ich sei immer für das Neue. Ich bin gewiss für die Moderne, aber nicht, wenn sie zum Rezept verkommt.
Die wiederaufgebauten Städte haben leider an Lebensqualität nicht gewonnen. Da kann ich dem Frankfurter Kompromiss durchaus Positives abgewinnen. Bei meiner Arbeit Rekonstruktion ging es mir um die Frage, ob ich, wenn ich beispielsweise den Finger einer antiken Venusfigur finde, die ganze Figur rekonstruieren darf.
Wie viel Substanz muss vorhanden sein, beziehungsweise da fehlen, um den Rest zu ergänzen? Ein heutiger Restaurator würde im Regelfall immer so anstücken, dass man das Altechte und das Neue unterscheiden kann und man die Bruchkante sieht. Dieses Zeigen von Zeitschichten scheint in Frankfurt zumindest bei der Kenntlichmachung wiederverwendeter alter Steine und Spolien sowie durch die durchaus vorhandenen Neuinterpretationen geschehen zu sein. Den Begriff des Authentischen muss man also nicht fetischisieren.
Frankfurt ist die Stadt der Hochhäuser. Es gibt von Ihnen eine Arbeit zu San Gimignano von 1983, dem mittelalterlichen Manhattan, bei der Sie sich mit dem toskanischen Geschlechtertürmen beschäftigen. Sie haben Holztische umgedreht, sodass die Beine wie Geschlechtertürme fungieren und rote Betonpflastersteine in Hausform beigestellt, um den Maßstab anzudeuten.
Was halten Sie von der Bauform des Hochhauses? In San Gimignano gilt ja noch der menschliche Maßstab. Da muss man den Kopf nicht in den Nacken legen, muss nicht durch Wolken gucken, sondern kann die Türme mit normalem Blick wahrnehmen und rein körperlich ohne Aufzug ersteigen. Architektur ist ja keine reine Kunst, sondern immer auch gebunden an soziale Verantwortung.
Die Bedürfnisse der Menschen, die in den Städten wohnen, sind in einem anderen Maßstab zu sehen als die Bedürfnisse einzelner Bauherren und Architekten. Zwischen diesen unterschiedlichen Bedürfnissen muss man immer einen Ausgleich finden. Während meines Architekturstudiums haben mich die ersten Hochhäuser in Chicago und New York durchaus fasziniert, aber immer nur als solitäre.
Ebenso der Eiffelturm, den man zugute halten kann, dass er in Form und Konstruktion einzigartig ist und eine signifizierende, eine Wahrzeichenfunktion erfüllt. In Frankfurt gefällt mir Helmut Jahns einem angespitzten, bleistiftedelnden Messeturm ganz gut, aber die meisten anderen Türme in Frankfurt imponieren mir weniger. Wenn es darum geht, Bauplatz zu sparen und Natur zu schonen, kann ich Hochhäusern generell etwas abgewinnen.
Dienen sie vornehmlich zur Machtdemonstration, verlieren sie für mich erheblich an Bedeutung. In manchen der Türme haben die Banken eigene Kunstsammlungen. Sie selbst sind in der Sammlung der DZ-Bank mit ihrer Fotoarbeit Blaus Wunder und in der Sammlung der Deutschen Bank mit ihren Landschaftsepiphanien vertreten.
Um was geht es den Banken dabei? Die genauen Motive für Firmensammlungen kenne ich nicht. Geht es um die Mitarbeiter des Hauses, die man an ihrem Arbeitsplatz entzücken möchte? Es gäbe ja durchaus die Möglichkeit, dass sich Angestellte aus dem Fundus Bilder aussuchen dürfen und so die Arbeit leichter fällt. Städtische und staatliche Museen haben die Aufgabe, Kunst zu sammeln, zu erforschen und öffentlich zu zeigen.
Das gilt für Private und mithin auch für Sammlungen von Banken nicht in gleicher Weise. Museen in Deutschland veräußern einmal erworbenes Gut auch nicht mehr. Diese Zurückhaltung ist für Firmen und Privatsammler aber nicht verbindlich.
Davon profitieren die Auktionshäuser. Da ich Kunst nicht als Ware, sondern zum Erkenntnisgewinn mache und sie der Öffentlichkeit zeigen und zur Diskussion stellen möchte, sage ich mir, lieber verkaufe ich ein Werk für 1.000 Euro an ein Museum als für 10.000 an einen Privatsammler. Leider haben die Museen aber zu wenig Geld.
Im Jahr 2025 jährt sich der Amtsantritt Ernst Mays als Frankfurter Stadtbaurat und damit der Beginn des Neuen Frankfurt zum hundertsten Mal. Die Resonanz wird weitaus verhaltener ausfallen, als dies 2019 beim Bauhausjubiläum der Fall war. Anstelle vermeintlich objektiver Gründe scheint dies vor allem mit Walter Gropius Geschick erklärbar, das Bauhaus nach seiner Emigration in die USA zu einer internationalen Marke ausgebaut zu haben, was Ernst May, der mit Teilen seines Frankfurter Mitarbeiterstabs in die Sowjetunion ging, so nicht möglich war.
Lässt sich das Schicksal des Neuen Frankfurt mit dem ihren vergleichen? Geschichtsschreibung ist ja ein Kapitel für sich. Wer hat das Recht zu entscheiden? Ich habe immer angekündigt, meine Strategie sei es, die Kritiker und Kunsthistoriker alle besserwisser zu überleben und dann die Kunstgeschichte zu meinen Gunsten umzuschreiben. In manchen Fällen hat das sogar schon geklappt.
Schauen Sie, von Udo Kultermann gibt es ein Buch mit dem Titel Leben und Kunst zur Funktion der Intermedia von 1970, in dem sich eine Liste von Selbstausstellern findet. Ein Dutzend Namen ist dabei, aber meiner fehlt. Dabei war ich der Erste.
Es ist tatsächlich oft eine Machtfrage, ob man seinen Stellenwert zugebilligt bekommt oder nicht. Mittlerweile ist Kultermann tot und ich kann für eine Korrektur sorgen. Von Ernst May habe ich übrigens als Architekturstudent an der Technischen Hochschule Hannover einen Vortrag gehört und mir von ihm ein Autogramm geben lassen, aus purer Verehrung.
Wenngleich, auch nicht so berühmt wie Kropius, Wies Van der Rohe oder Corpusier, war er für mich doch ein großer Mann. Ich habe Sie als Anekdotenerzähler kennengelernt. Fällt Ihnen zum Abschluss eine kleine Anekdote ein, die Sie mit Frankfurt verbindet? Im Frankfurter Kunstverein gab es im Vorstand einen Werbegrafiker, der mir einen meiner sitzenden Stühle abkaufte.
Später schrieb er mir, dass Diebe in seine Wohnung eingestiegen seien. Die Frankfurter Polizei habe in ihrem Protokoll nicht nur aufgelistet, was alles gestohlen worden sei, sie erwähnte auch einen demolierten Stuhl, dem die Hinterbeine gebrochen worden seien. Soweit also die Lesung von Kenneth Huya aus seinem neuen Buch.
All das passierte in diesem irrsinnigen Milieu Frankfurt. Gespräche über eine Stadt. Unsere Sendung könnt ihr natürlich auch nachhören auf unserer Webseite politopiamagazin.de. Dort haben wir alle unsere Sendungen archiviert.
Außerdem findet ihr in den Shownotes, also in den Sendungsnotizen, weiterführende Links, da könnt ihr euch auch nochmal schlau machen. Wir freuen uns, dass ihr dabei wart und dass ihr zugehört habt. Hier ist das politopia-magazin, jeden Mittwoch 16 Uhr bei Radio X. Wir hören uns also wieder nächste Woche. Bis dann.
